Das Bauerndorf von gestern – die Wohngemeinde von heute
- 25.05.2011 -
Weder Scheindorfidylle noch das verstädterte Dorf - das ist das Ziel der Dorfplaner und -erneuerer unserer Tage. Man ist auf der Suche nach neuen Leitbildern; denn viele Eigenschaften des Dorfes haben heute einen anderen Stellenwert. Für das Eifeldorf galt und gilt, daß es folgende Kriterien erfüllen sollte:
- Nähe zur Natur und Bezug zur Landschaft
- Kleinräumigkeit und Überschaubarkeit
- Eigenart und Unverwechselbarkeit
- Geborgenheit in der dörflichen Gemeinschaft.
In den 60er Jahren verfiel man der wahnwitzigen Vorstellung, aus unseren dörflichen Strukturen neue, verstädterte Einheitsstrukturen zu basteln. Unter dem Pseudo-Motto „Unser Dorf soll schöner werden“ wurden alte bewährte Elemente aufgegeben zugunsten importierter städtischer .
Der alte Dorfkern mit -zugegeben- teils verwahrloster Bausubstanz wurde unter dem Deckmantel „Sanierung“ regelrecht umgepflügt, es blieb lediglich die Kirche als Denkmal, umgeben von modernen Bürgerhäusern, Sparkassen und Getreidesilos. Serienbauten und Bungalows, englischer Rasen und exotische Ziersträucher, buntes Betonpflaster und Springbrunnen dominierten das Dorfbild und machten aus Bauerndörfern Wohngemeinden. Sprossenfenster aus Holz und Eichenhaustüren wichen Aluminium und doppelverglasten Großfenstern. Die alte Dorfstraße passte sich diesem Trend an, aus Kommunikationsräumen wurden schnurgerade Pisten, aus Dorfplätzen Parkraum.
Der Zerstörungsprozess unserer Dörfer ist gottlob gebremst. Dank neuer ökologischer Einsichten, einem gewandelten Denken, einem wiedererwachten Heimatbewusstsein und einer veränderten Politik können wir seit den 70er Jahren einen Wandel zum Besseren erkennen. Aus der denkmalfreien, geschichtslosen, ja menschenfeindlichen Wohn- und Arbeitswelt des Dörflers macht man neuerdings wieder einen Ort mit Geschichtlichkeit, mit den typischen Eigenarten, mit HEIM-at. Das Dorfbild wurde wieder unverwechselbar, Erlebnisreichtum, Wohn- und Lebensqualität, Rückbesinnung auf alte Werte zählen wieder.
Treff- und Orientierungspunkte, kleine Plätze und Baumgruppen, Wegteilungen und Bäche, Kapellen und bepflanzte Restflächen gewinnen wieder an Wert, die Rekonstruktion einer Schmiede, einer Dorfwirtschaft, die Restaurierung alter Wegekreuze und die Sanierung ortsbildprägender Bäume tragen dazu bei, das Dorf wieder ein Dorf sein zu lassen.
Die Hauptsünden der Zerstörung in den letzten Jahrzehnten sind m.E. folgende:
1. Groß bemessene Neubaugebiete mit rasterhaften Grundstücksgrößen und -flächen
2. Das Eindringen fremder Leitbilder (tirolerische, bayrische, finnische Häuser mit fremden Materialien führen zu einem Stilkonglomerat)
3. Versiegelte Flächen allerorts mit Waschbetonkübel, Trögen aus Plastik und nicht bodenständiger Bepflanzung
4. „Rustikalkitsch“ mit Rosenbogen, Gartenzwergen und künstlichem Wasserlauf
5. Der Abriss ortsbildprägender Substanz (Bauernhaus, Scheune, Werkstatt, Brunnen)
Die Folgen dieser Entwicklung sind heute noch nicht abzusehen. Aber der Trend ist erkennbar: Soziale Konflikte zwischen Dorfkernbewohnern und Neubaubürgern, eine Kluft zwischen den bäuerlich und handwerklich tätigen Altdorfbürgern und den gehobeneren Schichten aus dem neuen Gebiet, schließlich städtische Wohnmentalität und bäuerliche Kleinwelt. Eine Zeit der Fremdbestimmung ist vorgezeichnet in den Dörfern und Städtchen, wo ganze Straßenzüge im Dorfkern aussterben und Häuser nicht wieder bewohnt werden. Dabei müsste es genau anders herum laufen: Das Bewusstsein für den Wert der Altbausubstanz, die Aufwertung des veralteten Dorfkerns, die Rettung des sozialen Friedens müsste das oberste Ziel sein. Doch wachsende Neubaumentalität ist zugleich die Sterbeurkunde für das ererbte Haus.
Die Dorfentwicklung - sie ist eine kommunale Selbstverwaltungsaufgabe- hat eine Menge Impulse für das Bewusstsein und für konkretes Handeln geliefert. Es ist daher sehr wichtig, dass sie ihre Orientierung und ihre Maßstäbe aus der Eigenart der Dörfer gewinnt. Ziel und Aufgabe der Dorfentwicklung muss es sein, mit Blick auf das Ganze den eigenständigen Charakter des Dorfes zu wahren, das dörfliche Gemeinschaftsleben zu unterstützen, die besondere dörfliche Wohnqualität zu pflegen und der wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung des Dorfes mehr Raum zu geben. Zunehmend setzt sich gerade heute die Erkenntnis durch, dass die Lebensform des Dorfes viele positive Aspekte aufweist, etwa die Überschaubarkeit des Raumes, die größere Nähe zur Natur, die leichtere Eigentumsbildung oder die spürbare Gemeinschaft.
An diesem Selbstbewusstsein muss die Dorfentwicklung anknüpfen. Sie muss Politik für das Dorf als eigenständige Siedlungsform sein, gleichrangig mit der Stadt. Deshalb braucht Dorfentwicklung ein klares Konzept, und zwar für jede Gemeinde ein eigenes. Solche Entwicklungskonzepte kann man nicht aus der Schublade ziehen, weil Dorf nicht gleich Dorf ist. Dorfentwicklung muss an dem Besonderen eines Dorfes anknüpfen, muss den Bedürfnissen und Verhältnissen eines jeden Dorfes Rechnung tragen, muss den Dorfkern, die Schule, typische Eigenarten und infrastrukturelle Besonderheiten ortsspezifisch berücksichtigen.
Dorfentwicklung darf auch nicht von oben verordnet werden, sie muss „von unten“ getragen sein. Außerdem verlangt sie nach ideeller Unterstützung und nach Akzeptanz der Bewohner.
Die alten Bauerndörfer und -häuser, die dem Abriss zum Opfer fielen, sind nicht wiederzubringen. Nach dem Motto „Altes erhalten, Neues gut gestalten“ lässt sich mancher Fehler der Vergangenheit vermeiden.
Das Dorf muss seine eigene Identität wiedergewinnen. Ortsbild und örtlicher Charakter, mit denen wir uns identifizieren, lassen uns Heimat wieder spüren. Selbstverantwortung und Eigeninitiative sind von den Dörflern gefordert. Auch die Meinung der Frauen sollte gehört werden, sie verbringen immerhin die meiste Zeit im Dorf und in ihren Häusern. „Dorferneuerung geht nicht über die Budgets, sondern über die Herzen“, sagte eine Bürgerin vor Jahren. Hat sie recht? Sie hat recht!
Unsere Kulturlandschaft Eifel hat es verdient, dass man ihr keine weiteren Schäden zufügt.
Joachim Schröder
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