Vom Winde verweht
- eine Eifeler Science-Fiction-Geschichte, die hoffentlich niemals wahr wird......
- 13.06.2012 -
Im Frühjahr 2013 wird im großen Forstgebiet zwischen den Eifeldörfern Bettenbüsch, Eisenroth und dem Dörfchen Maarweiler durch das Windkraftunternehmen HuWo ein Mega-Windpark mit 15 Rotortürmen von jeweils 200 Metern Höhe errichtet. Am Tag der Betriebsaufnahme sagt der Bettenbüscher Ortsbürgermeister der regionalen Tageszeitung: „Unser Dorf ist stolz, hiermit einen Beitrag zur Energiewende zu leisten und die Region voranzubringen!“ Im Herbst 2013 hört man die Gäste des Maarweiler Cafes zueinander sagen: „Fahrt mal rauf zum Aussichtspunkt, aber kommt bald wieder runter! Seht euch die Windräder an, grauenhaft!“ Von den 30 Kilometer entfernten Kreisstädten und von den Moselhöhen schaut man auf die Anlagen und nennt sie nur „die Eifelschrecken“ oder „der Eifelschandfleck“.
Im Jahr 2014 sind die Übernachtungszahlen des „Waldhotels Salmquell“ am Ortsrand von Eisenroth innerhalb eines Jahres um 30 Prozent zurückgegangen. Die Gäste klagen, sie möchten nicht „vom Gästezimmer auf einen Windpark schauen“, „...das ist kein Waldhotel mehr..“ „....der Wanderspaß ist weg...“, einige können nicht mehr schlafen. „Wir kamen immer wegen der Ruhe und des Waldes....“ sagen viele. Um weitere Gäste nicht zu verlieren, senkt der Wirt die Übernachtungspreise um 20 Prozent.
Im Jahr 2015 gibt es in der Westeifel mittlerweile drei Wald-Megawindparks und weitere 80 „kleine“. In flämischen und niederländischen Zeitungen liest man Artikel wie „Eifel: Strom statt Gäste“ und „Billiger Eifelurlaub im Windpark“. Die Übernachtungszahlen gehen in den Gastbetrieben der Windparkdörfer um durchschnittlich 25 Prozent zurück. In Bettenbüsch wurden Erneuerungen in Altbausubstanz seit dem Jahr 2013 um 60 % zurückgenommen. Die Hälfte der in den letzten 15 Jahren erworbenen Immobilien soll laut den Eigentümern „schnell wieder abgestoßen“ werden. Das Dorf verliert innerhalb von zwei Jahren allein durch Abwanderung 60 Einwohner. Ähnliche Zahlen kommen von anderen Dörfern nahe bei Megawindparks. Eine Zeitung schreibt zynisch „Bettenbüsch schafft sich ab!“
Im Jahr 2016 fällt den Forstbeamten von Eisenroth eine „wahre Mäuseplage“ im Windparkwald auf, der die natürliche Verjüngung des Waldes schwer schädigt. Stattdessen sind Greifvögel und Kleinräuber wie Wiesel etc. laut Forstaufsicht „praktisch verschwunden“. Ökologen vermuten, daß der Windpark die natürlichen Freßfeinde der Waldmäuse, also Vögel, Füchse, Wildkatzen und Kleinräuber, massiv stört. Man muß pro Jahr für ca. 150.000 Euro „ mit forsttechnischen Mitteln“ gegen die Mäuseplage vorgehen.
Der Wirt des „Waldhotels Salmquell“ hat mittlerweile 40 Prozent seiner Stammgäste verloren. Er macht seine Herberge zum „Biker-Hotel“, dem mittlerweile siebzigsten Biker-Treff der Eifel. Die motorradlärmgeschädigten Bewohner im benachbarten Eisenroth wehren sich. Der Wirt ist im Dorf daraufhin isoliert. Er sagt der Zeitung: Wir sind kein Erholungsraum mehr, da kann man nichts machen. Die Biker sehen halt nicht so auf die Landschaft. Die mögen Strassenkurven und leckere Schnitzel!“. Drei Vermieter von Ferienwohnungen in Bettenbüsch haben ihr Gewerbe aufgegeben. Ein abgelegenes, nun konkursfälliges Hotel-Restaurant in Eisenroth soll in einen „Swingerclub“ umfunktioniert werden.
In Mainz findet eine Großdemonstration gegen „grüne Energiepolitik statt“. Auf Demo-Transparenten steht zum ersten Mal der paradoxe Aufruf „Stoppt grüne Umweltzerstörung!“ Die Regionaltageszeitung schreibt „Wut-Eifeler in Mainz…“ In einer Fernseh-Talkshow zum Thema „Die Energiewende hat meine Existenz vernichtet“ sitzen Ex-Gastwirte aus ganz Deutschland, darunter auch aus der Eifel. Die schwarz-grüne Bundesregierung kündigt inzwischen an, die Erneuerbare-Ernergie-Subventionen nochmals drastisch zu kürzen. Ein Grund: Die Speichermöglichkeiten von Windstrom können mit der Windstromerzeugung nicht Schritt halten.
Im Jahr 2017 stehen in Bettenbüsch 30 Gebäude zum Verkauf, weitere 15 stehen leer. In der Kreispolitik spricht man ironisch von „Stromschaden-Gemeinden“. Etwa zehn ähnlich betroffene Dörfer gibt es im Hunsrück, der Pfalz und der Nordeifel. Die Verkaufsobjekte gelten als „schwer bis kaum verkäuflich“.
Ein Bettenbüscher sagt im regionalen Fernsehen: „In unser Dorf steckt außer HuWo keiner mehr Geld…“ Innerhalb von vier Jahren sind die Immobilienwerte um 40 % gefallen. Die Landkreise der Westeifel errichten nun eilig eine „Land-Immo-GmbH“. Es handelt sich um eine „Makler-Agentur für windparknahe Problem-Immobilien“. Die Energieunternehmen und Windpark-Dörfer werden gezwungen, aus den Pachtgeschäften die Makleragentur zu unterstützen. Ein Eifeler Landrat spricht inzwischen von „Energiepark-Wildwuchs, der unserer Region mehr schadet als hilft....“
Ein Forstfahrzeug aus Maarweiler wird im Winter 2016 / 2017 um wenige Meter von einem 20 Kilo schweren Eisabwurf eines Windrotors verfehlt. Alle betroffenen Waldzufahrten müssen daraufhin per Verordnung mit jahreszeitlichen Warn- und Haftungsschildern versehen werden. Die Wanderurlauber werden durch die Schilder verunsichert. Die Forstbediensteten können nun bei kritischer Frost-Tauwetter-Witterung nicht näher als 400 Meter radial um die Kraftwerke arbeiten. Die winterlichen Behinderungen verursachen pro Landkreis jährliche Kosten von 300.000 Euro. Die Rodungsflächen um die Sockel werden nun wegen Eiswurf- und Brandschutz sicherheitshalber auf 400-Meter Radius vergrößert. In der Summe entstehen Freiflächen von mehreren Quadratkilometern. Die angrenzenden Forstflächen erleiden bei Orkanwinden schwere Windwurfschäden.
Mehrere Landkreise in Bayern und im Schwarzwald verbieten „zum Schutz der regionalen Kulturlandschaft, des Waldes, des Tourismus und des Siedlungs-Werterhalts“ jegliche Windkraftanlagen. Der Windenergie-Konflikt liegt nun über der ganzen Eifelregion. 70 Gemeinderäte und Ortsbürgermeister in Eifeldörfern werden innerhalb von zwei Jahren abgewählt und „Windradgegner“ favorisiert.
Das Jahr 2018 ist für die westdeutschen Mittelgebirge das dritte windarme Jahr in Folge. Die dortigen Windräder haben sich 2018 durchschnittlich pro Monat nur
8 Tage rentabel gedreht. Informationen über große Gewinneinbußen von HuWo und anderen Windkrafterzeugern machen bundesweit die Runde. Zahlreiche Windinvestoren versuchen, ihre Verträge zu lösen. Im Herbst dieses Jahres wird ein Wildgänseschwarm im Nebelflug von einem Eifeler Megarotor getroffen. Die Forstbeamten zählen 15 Vogelkadaver „plus Dunkelziffer“. Deutsche Umweltverbände strengen ein Gerichtsverfahren zum Wildtierschutz an, das bis zum „EU-Umweltgerichtshof“ geht. Das Urteil geht spektakulär zugunsten des Tierschutzes. Der Windstrombetrieb für Megarotoren wird daraufhin trotz Protesten der deutschen Industrie während der Wandersaison von Gänsen, Kranichen und Störchen verboten. Das Urteil geht als sogenanntes „Gänseurteil“ in die Umwelt-Rechtsprechung ein.
Der Firma HuWo und zwei weiteren Eifel-aktiven Windstrom-Großunternehmen droht jetzt durch das „Gänseurteil“ und „Windklimawandel“ der Konkurs. „Um die Energieversorgung nicht zu gefährden“, so die Bundesregierung, werden die Firmen unter gesetzlichen Gläubigerschutz gestellt. Einige der verpachtenden Dorfgemeinden verzichten dadurch auf Pachtforderungen aus fast zwei Jahren. Mehrere Eifler Gemeinden hatten Jahre vorher in der Aussicht auf enorme Windpachteinnahmen neue sechsstellige Kredite aufgenommen. Sie sind jetzt siebenstellig verschuldet. Ein Energieinvestor aus Japan kündigt an, das Unternehmen HuWo zu kaufen.
Im Jahr 2019 spricht eine Grünen-Politikerin in Berlin von „übereilten Entscheidungen nach Fukushima“ und einer Verzögerung der Energiewende, „falls sie so überhaupt möglich ist“. Eine Bundesregierung aus vier Parteien entscheidet, die Grundlast der Stromversorgung bis zum Jahr 2025 „aus grenznahen Kraftwerken“ im Ausland zu sichern. Die „Energiewende“ in Deutschland wird verschoben. Bettenbüsch und Eisenroth haben sich in der Kreispolitik mittlerweile zu „schweren Problemdörfern“ entwickelt. Die Abwanderung setzt sich fort. In der leerstehenden Bausubstanz werden durch ein Landesförderprogramm „sozial schwache Familien aus Ballungsräumen“ angesiedelt. Spricht man in der Eifel von Bettenbüsch, heißt es mitleidig „Ah, Bettenbüsch, vom Winde verweht…“
Nachwort: Wie wichtig ist uns Heimat? Wie wichtig ist uns Geld? Wir besuchen im Urlaub die Malediven, die Provence, die Toskana oder Tirol – jene Regionen, die mit hunderten Bau- und Umweltvorschriften strengstens ihre Identität und Idylle schützen, um ihren Tourismus lebendig zu halten, aber auch ihre Landschaft und ihr kulturelles Gesicht zu bewahren. Nur für die Eifel daheim – da ist das alles egal, in der Eifel wird die Landschaft zu Geld gemacht. Und zwar so lange, bis sie nicht mehr zu erkennen ist, nicht mehr lebenswert ist – weder für Bewohner noch für Besucher…
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