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Arthur L. Loeb – Physiker und Designpionier

Enkel eines Kaufmanns aus Münstereifel

Zu den großen Wissenschaftlern, die aus den einst in der Osteifel beheimateten jüdischen Loeb-Familien hervorgingen, zählt der Physiker, Kristallograph und Designwissenschaftler Arthur Loeb. Als er 2002 in Cambridge (Massachusetts) starb, galt er als international führender Designpionier.

Arthur Loeb kam 1923 in Amsterdam als Sohn von Herbert Loeb (1893–1994) und dessen Ehefrau Nelly Isaac (1897–1981) zur Welt. Der in Utrecht geborene Herbert Loeb stammte aus einer jüdischen Familie, die im späten 18. Jahrhundert in Hain am Fuß der Burg Olbrück ansässig war, dann nach Münstereifel zog und sich von dort international ausbreitete. Arthurs Großvater Vater Leopold Loeb (1857–1905) wuchs in seinem Geburtsort Münstereifel auf. Als Endzwanziger zog er mit seiner Frau Sybille und zwei Kindern nach Utrecht, wo er ein Textilgeschäft eröffnete; später ließ er sich in Amsterdam nieder. Arthur Loeb führte die ihm von Kindheit an eigene Faszination für Symmetrien und Muster teilweise auf die fantasievollen holländischen Fliesenmuster zurück, die sein Großvater gezielt gesammelt hatte. Ein wichtiger Teil der Loeb-Familiengeschichte wurde in dem Buch „Can a Seamless Garment Be Truly Torn?“ (2014) von Peter Steffen und Hans Evers dargestellt. Im dessen Mittelpunkt steht das Familienschicksal des Euskircheners Lutz Loeb (1881–1935), eines Vetters von Arthur Loebs Vater. Lutz Loeb konvertierte mit seiner Frau Jenny van Geldern zum Katholizismus; sechs ihrer acht Kinder traten katholischen Ordensgemeinschaften bei, und alle sechs Frommen fielen dem Holocaust zum Opfer.

Auch Arthur Loebs Werdegang wurde durch den Hitler-Staat beeinflusst. Bis zu seinem 16. Lebensjahr lebte er in Amsterdam, wo er das traditionsreiche Barlaeus-Gymnasium besuchte. Als deutsche Truppen 1940 die Niederlande besetzten, floh seine Familie in letzter Minute mit einem Fischerboot nach England. Von dort emigrierte Arthur Loeb in die USA, wo er Chemie und Physik an der University of Philadelphia und in Harvard studierte. Ausgestattet mit einem Harvard-Doktortitel in physikalischer Chemie (1949), arbeitete Loeb danach am MIT (Massachusetts Institute of Technology), einer der angesehensten wissenschaftlichen Forschungsstätten überhaupt. Am MIT befasste sich Loeb mit Strömungsforschung, Kristallographie und den optischen Eigenschaften dünner Metallstreifen; er gehörte zum kleinen Elitekreis derjenigen, die für ihre komplizierten Berechnungen Zugang zum legendären Frühcomputer Whirlwind hatten. In den 1950er Jahren erforschte Loeb als einer der ersten die computerbezogenen Möglichkeiten der Benutzung visueller Formen. Aufgrund seiner Veröffentlichungen wurde er 1963 in Harvard Dozent am Carpenter Center for the Visual Arts, daneben arbeitete er im Forschungslaboratorium der Kennecott Copper Co. in Lexington.

In den 1960er Jahren lernte Loeb den holländischen Künstler M.C. Escher (1898–1972) kennen, den seine „unmöglichen“ Zeichnungen, die der Logik zu spotten scheinen, weltberühmt machten. Aus der Begegnung entstand eine lebenslange Freundschaft wechselseitiger Inspiration. Ebenso wichtig wurde die vertraute Zusammenarbeit mit dem eminenten Systemtheoretiker, Erfinder und Futurologen Richard Buckminster Fuller (1895–1983). Zu dessen Buch „Synergetics: Explorations in the Geometry of Thinking“ (1975), einem Hauptwerk Fullers, schrieb Loeb das Vorwort und einen eigenen Beitrag. Wie Fuller, so befasste sich auch Loeb in seinen Büchern und Abhandlungen mit Raumstrukturen, ihrer Harmonie und Synergien sowie dem Zusammenhang von Symmetrien und Farben. 1993 veröffentlichte Loeb das mit 160 Illustrationen versehene Buch „Concepts & Images: Visual Mathematics“. Es ging aus seiner jahrzehntelangen Tätigkeit am Department of Visual and Environmental Studies (Harvard) hervor, wo Loeb seit 1975 Senior Lecturer war. Auf Loebs Initiative beruhte die Gründung der International Society for the Interdisciplinary Study of Symmetry (SIS) 1989 in Budapest.

Ästhetische Schönheit spielte auch in Loeb außerwissenschaftlichem Leben eine Hauptrolle. Er musizierte auf hohem Niveau, beherrschte Klavier, Viola da Gamba und Cembalo und trat als Bariton-Sänger auf. Seine besondere Liebe galt der Renaissancemusik. Überdies widmete er sich alten Tanzformen und nahm als Tänzer an eindrucksvollen Performances teil. Unterstützt bei seinen künstlerischen Aktivitäten wurde er von Charlotte Aarts, die er 1956 geheiratet hatte. Ein Teil des loebschen Schaffens wird durch die Arthur Loeb Design Science Teaching Collection bewahrt, die an der Rhode Island School of Design (RISD) eingerichtet wurde. Sie enthält u. a. „The Symmetry Portfolio“, eine Sammlung von 164 Siebdrucken, die Loeb mit der Künstlerin Holly Alderman erstellte. Loebs Absicht war es, auf mathematischer Basis alle möglichen Verbindungen zweidimensionaler Strukturen visuell zu präsentieren und die Bilder zur Verbesserung der visuellen Ausdrucksfähigkeit für Studierende zu nutzen. Eine seiner früheren Studentinnen, die puertorikanische Schriftstellerin Esmeralda Santiago, würdigte den Renaissance-Mann und Design-Vordenker Loeb nach dessen Tod mit den Worten: „Jetzt ist der Himmel bestimmt viel besser organisiert und schöner gestaltet als jemals zuvor.“ 

Verfasser: Gregor Brand

EAZ Eifel-Zeitung – Regionale Nachrichten aus Eifel und Mosel der Landkreise Vulkaneifel, Daun, Bernkastel-Wittlich, Bitburg-Prüm, Cochem-Zell, Ahrweiler-Adenau, aus Politik, Wirtschaft, Tourismus, Polizei und Sport.