Eberhard Hennes

Holzbildhauer aus Neuerburg

Die Eifel ist nicht nur eine Kulturlandschaft, aus der viele Maler hervorgingen, sondern auch eine Region ausgedehnter Holzbildhauerkunst. Die Kirchen, in denen sich bis vor einigen Jahrzehnten die meisten Einheimischen Woche für Woche versammelten, sind voller kunstfertiger Altäre, Statuen und sonstiger meisterlich gestalteter Gegenstände. Über deren Schöpfer machte man sich allerdings oft ebenso wenig Gedanken wie über die „Eifeler Dorfschreiner, deren Möbelstücke wunderbaren Aufbau und kunstvolle Bildhauerarbeit in den Füllungen zeigen“, wie Adam Wrede (1875-1960) in seinem Buch „Eifeler Volkskunde“ (1922) beiläufig erwähnte. Wrede fügte hinzu, dass diese Holzbildhauer in die Künstlerwelt gehören: „Aber ihre Namen sind längst verweht“. Zum Glück nicht alle. Zumindest von den Schreinern, die sich auf die Anfertigung von Altären und Kirchengegenständen spezialisierten, sind durchaus einige Namen und Werke bekannt. So untersuchte Elke Erschens-Schmitt in ihrer 1995 erstellten Trierer kunsthistorischen Dissertation „Altarbauer aus Neuerburg/Eifel und ihre Werke im Zusammenhang des Barock im Bereich Eifel und Ardennen“ die Arbeiten verschiedener Holzbildhauer des 18. Jahrhunderts. Dazu gehören insbesondere die Brüder Nikolaus und Hubert Littge (Littgen/Litge) sowie Nikolaus und Eberhard Hennes. Von ihnen weiß man nur wenig über Herkunft, Ausbildung und Lebensweg. Was die Brüder Littge betrifft, so konnte Erschens-Schmitt ihren Geburtsort nicht ermitteln. Der Familienname könnte allerdings ein Hinweis auf eine Herkunft aus der Gegend um Himmerod sein; immerhin hieß das dortige Dorf Großlittgen in alter Zeit „Littgen“. Demgegenüber spricht bei Eberhard Hennes vieles für eine familiäre Verwurzelung in der Enztalstadt Neuerburg. Nach Angaben von Nikolaus Kyll (1904-1973) war Eberhards Vater der Neuerburger Altarbauer Nikolaus Hennes. Erschens-Schmitt zweifelt dessen Existenz zwar mangels weiterer Belege an, geht aber ebenfalls davon aus, dass der um 1737 in Neuerburg geborene Eberhard sein Handwerk zunächst in der Werkstatt seines Vaters erlernte. Traditionsgemäß begab er sich vermutlich nach seiner Lehrzeit auf Wanderschaft. Als sein erstes dokumentiertes Werk gilt ein Muttergottesaltar aus dem Jahr 1761/62, der sich heute in einer Kapelle in Nasingen befindet. Stilistische Elemente dieses Frühwerks verweisen auf einen Altar im luxemburgischen Dorf Koerich, der von dem Diekircher Andreas Doyé wenige Jahre zuvor geschaffen wurde; auch weitere Hinweise lassen vermuten, dass Hennes bei ihm als Geselle gearbeitet hatte. Spätestens seit seinen mittleren Lebensjahren war der Schreiner und Holzbildhauer ein respektabler Bürger seines Heimatorts. Im Jahr 1770 wird Hennes – inzwischen auch Besitzer mehrerer Gärten, darunter eines Baumgartens – als Brudermeister der Hospitalkapelle St. Eligius genannt. Der heilige Eligius war der Schutzpatron der mit dem Hammer arbeitenden Handwerker; in Neuerburg bestand seit dem Mittelalter eine Eligius-Zunft mit strengen Beitrittsregeln. In den 1780er Jahren übte Hennes das Ehrenamt eines Sendschöffen aus, was ebenfalls Unbescholtenheit und guten Ruf voraussetzte. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits zum zweiten Mal verheiratet. Seine erste Ehefrau Maria Magdalena Feyder, mit der Hennes mindestens drei Kinder hatte, war früh verstorben, worauf der noch nicht 40-jährige Witwer die Diekircherin Katharina Josephine Schrantz (gestorben 1823) geheiratet hatte; aus dieser Ehe gingen mindestens fünf Kinder hervor.

Die eindrucksvollsten Schöpfungen von Hennes sind seine Altarbauten. Imposante Beispiele dafür bieten der 1762/63 von ihm errichtete Hochaltar und die Seitenaltäre der Schankweiler Klause. Weitere kunstvolle Hennes-Altäre befinden sich in den luxemburgischen Orten Helzingen und Lieler sowie in den Westeifelgemeinden Reuland und Weidingen. In Neuerburg wurde der dort 1782 von ihm geschaffene Katharinenaltar in der Pfarrkirche St. Nikolaus zwar im 19. Jahrhundert abgebrochen, doch blieben mehrere Statuen, darunter die der hl. Katharina, erhalten. Dass Hennes sich auf die Darstellung von menschlichen Figuren verstand, kann man auch in der Neuerburger Kreuzkapelle am sandsteinernen zweiten Fußfall („Christus vor dem Hohepriester“) erkennen oder an den Figuren am Weidinger Hochaltar. Unscheinbarer, aber nicht weniger sorgfältig gearbeitet, sind andere kirchenräumliche Gegenstände, die ebenfalls zum Repertoire des Neuerburger Meisters und seiner Werkstatt gehörten. Schöne Exempel dafür sind das Chorgestühl im nordluxemburgischen Trotten oder die schmuckvollen Kanzeln in Helzingen und Schankweiler. Passend zur damaligen tiefen Religiosität ist die kunsthandwerkliche und über bloße Zweckmäßigkeit weit hinausgehende Aufmerksamkeit, mit der Beichtstühle, Lesepulte und Kommunionbänke gestaltet wurden, wobei Hennes – wie auch sonst durchgängig bei seinen Arbeiten – Eichenholz verwendete. Bei all dem hat er sich, auch wenn er gezielt Merkmale zeitgenössischer Kunststile verwendete, selbst vermutlich eher als Schreiner denn als Künstler gesehen. Meister Hennes starb am 2. Januar 1797 im Alter von fast 60 Jahren. Die auch in der Eifel sehr spürbaren kirchenfeindlichen Aktionen französischer Revolutionäre überschatteten seine letzten Lebensjahre. 

Verfasser: Gregor Brand