Ernest Thiel

Schwedischer Bankier und Kunstsammler – Sohn eines Auswanderers aus Eupen

Ernest Thiel, der jüdische Sohn eines katholischen Preußen aus Eupen, galt zu Beginn des 20. Jahrhunderts als reichster Mann Schwedens. Am 18. August 1859 in Norrköping zur Welt gekommen, erwarb sich Thiel durch Bankgeschäfte ein immenses Vermögen, das er zum Aufbau einer der bekanntesten Kunstsammlungen Skandinaviens verwendete.

Die ostschwedische Handels- und Industriestadt Norrköping war seit Jahrhunderten nicht zuletzt vom Wirken wallonischer Industriepioniere und Handwerksmeister geprägt worden. Dieser Tradition folgend zog der aus einer alteingesessenen Eupener Familie stammende Ingenieur Jean-Jacques Thiel (1827 – 1895) nach Norrköping, wo er als Fabrikwerkmeister arbeitete. Dort lernte er Fanny Stiebel (1837 – 1918) kennen, Tochter einer angesehenen Frankfurter jüdischen Familie. Aus der Ehe Thiel-Stiebel ging neben Ernest auch der Sohn Arthur hervor, der später als Großkaufmann erfolgreich war. Die beiden Brüder wurden im jüdischen Glauben erzogen.

Mit 15 Jahren wurde Ernest 1874 zur Norddeutschen Bank geschickt, dem damals größten Kreditinstitut in Hamburg. Drei Jahre später wechselte er zur Enskilda Bank in Stockholm, die der prominenten Familie Wallenberg gehörte. Nächste Station seiner Bankkarriere war 1881 die Svenska Handelsbanken, die von dem jüdischen Bankier Louis Fraenckel gegründet und zu einer der wichtigsten skandinavischen Banken aufgebaut worden war. Als Jahresgehalt bezog der kaum über zwanzigjährige Thiel bereits 4.000 schwedische Kronen, was dem Wert von ca. 1,6 kg Gold entsprach. Dieses Gehalt konnte er um 1885 fast vervierfachen, als er Direktor einer Privatbank in Härnösand wurde; zudem erhielt er ein Zehntel des Bankgewinns. Thiels Spezialgebiet, das er mit größtem Geschick beherrschte, war der internationale Handel mit Staatsdarlehen und Anleihen; der erfolgreiche Abschluss solcher Geschäfte verschaffte ihm riesige Provisionen. 1891 gründete er eine eigene Bank, zudem engagierte er sich bei der Gründung von Unternehmen.

Durch seine Ehe mit Anna Josephson, Tochter eines jüdischen Großhändlers, verstärkten sich Thiels Kontakte zur schwedischen Wirtschaftselite; eine Schwester seiner Frau war mit dem jüdischen Großverleger Karl Otto Bonnier verheiratet, zu dessen Autoren weltberühmte Schriftsteller wie August Strindberg oder Selma Lagerlöf gehörten. Thiels erste Ehe, aus der fünf Kinder hervorgingen, wurde 1897 geschieden – was im schwedischen Bürgertum, wo Scheidungen damals selten und verpönt waren, mit großem Befremden aufgenommen wurde. Thiel ließ sich davon nicht beirren und heiratete kurz danach die 28-jährige verwitwete Signe Hansén, die für ihn die „große Liebe“ seines Lebens war. Aus dieser Verbindung gingen zwei Kinder hervor, aber auch diese Ehe scheiterte. Im Winter 1910/11 trennte sich das Paar; Signe Thiel zog in eine Villa auf Öland, wo sie 1915 an einer Überdosis Opium verstarb. Thiels zweite Frau verkehrte viel in Künstler- und Schriftstellerkreisen, was sich auch auf das Leben von Ernest auswirkte. Er begann mit dem Aufbau einer Kunstsammlung und widmete sich diesem Anliegen mit besonderer Hingabe. Zu den ersten Gemälden, die er erwarb – er kaufte nicht aus kommerziellen Gesichtspunkten, sondern nach Neigung – gehörte „Morgenstimmung am Meer“ des Natur- und Tiermalers Bruno Liljefors. Thiel war der größte Förderer des Malers Edvard Munch, der ihn mehrfach porträtierte. Er setzte sich besonders auch für die Anerkennung Nietzsches ein, von dem er einige Hauptwerke übersetzte und dessen Schwester er bei der Gründung der Stiftung Nietzsche-Archiv sehr großzügig unterstützte.

Das von Thiel bewohnte Haus an der Stockholmer Prachtstraße Strandvägen wurde bald zu klein für Familie und Kunst. Zwischen 1904 und 1907 ließ sich Thiel nach Entwürfen des renommierten Architekten Ferdinand Boberg eines neues palastähnliches Haus erbauen: die Villa Eolskulle, wo er bis 1924 lebte, ehe er das prachtvolle Gebäude an den Staat veräußerte. Es ist heute Sitz der Thiel Gallery, die zu Schwedens angesehensten Kunstmuseen gehört; im Zentrum des Museums stehen die von Thiel erworbenen Bilder, darunter zahlreiche von Munch.

Zum Zeitpunkt des Verkaufs war es um Thiels finanzielle Lage längst nicht mehr gut bestellt. Nach 1910 schmolz sein Reichtum zusammen, und die wirtschaftliche Depression der frühen 1920er Jahre raffte sein überwiegend in Aktien angelegtes Vermögen fast völlig dahin. In seinen letzten Lebensjahrzehnten nagte Ernest Thiel zwar nicht am Hungertuch, aber gemessen am einstigen Wohlstand war er arm geworden. Er empfand das nicht als Unglück und notierte in seinem Tagebuch: „Armut gab mir das, was Wohlstand nie geben konnte: Einsamkeit. Solange ich reich war, durfte ich nie in Frieden sein, nie allein. Erst als ich arm wurde, wurde ich einsam. Kein kleines Geschenk.“ Diese Bemerkung passt zu der Einschätzung, die Zeitgenossen von ihm hatten: dass Thiel im Grunde eine komplizierte „Dichternatur“ mit innerer Distanz zu seiner bürgerlichen Umgebung war.

Zu den Nachkommen Thiels gehören prominente Persönlichkeiten aus dem schwedischen Kulturleben. Eine 2015 veröffentlichte Thiel-Biografie von Lars Ragnar Forssberg verschaffte dem im Januar 1947 im Alter von 87 Jahren verstorbenen Schweden neue Beachtung.

Verfasser: Gregor Brand