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Ernst Bresslau

Zoologe aus Schweicher Familie

Ernst Bresslau

Ernst Bresslau

Ernst Bresslau kam 1877 in Berlin als Erstgeborener des Ehepaars Harry Bresslau und Carolina („Carry“) Isay zur Welt. Seine in Schweich geborene Mutter war eine Tochter des jüdischen Handelsmannes Heiman Isay aus dessen zweiter Ehe mit der Bitburgerin Heba Pelzer. Über das Leben des Schweichers Heiman Isay ist nicht viel bekannt. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte er erneut geheiratet, auch die zweite Ehefrau Heba starb früh. Heiman, Sohn des Hausierers Wolf Isay, war weder reich noch berühmt – aber vermutlich hochintelligent. Denn mit ihm verbindet sich das Staunen erregende „Isay-Phänomen“: Hätte Heiman Isay alle seine Enkelkinder um sich versammeln können, so wäre eine intellektuelle Elite erster Güte aufgetreten. Dazu gehörten drei herausragende Juristen (Hermann, Rudolf und Ernst Isay), der Chemiker Oskar Isay, dazu zwei der wichtigsten US-Biologen ihrer Zeit (die in Mayen geborenen Jacques und Leo Loeb), ferner Helene Bresslau, Ehefrau des Nobelpreisträgers Albert Schweitzer, sowie schließlich der Zoologe Ernst Bresslau, um den es in diesem Beitrag geht. Harry Bresslau war Historiker und hatte die damals mit 18 Jahren noch minderjährige Carolina Isay in Trier kennengelernt. Nach der Hochzeit 1874 lebte das junge Paar in Berlin, wo Harry Breslau fünf Tage vor der Geburt von Ernst zum Professor ernannt wurde. Professor  Bresslau ließ seine drei Kinder protestantisch taufen und legte Wert auf deren Erziehung „in deutschem Geist“; er gehörte zu denjenigen Juden der wilhelminischen Zeit, die für eine vollständige Assimilation eintraten. Der Professorensohn Ernst galt als temperamentvoller Wildfang. Ob man an seiner Freude am Auseinandernehmen der Puppen seiner Schwester Helene schon erste Neigungen zur Biologie erkennen kann, ist zweifelhaft, fest steht aber, dass sich Ernst – wie seine Vettern Jacques und Leo Loeb – intensiv für biologische Fragen interessierte. Folgerichtig studierte er in München und an der Universität Straßburg, wo sein Vater inzwischen als Geschichtsprofessor lehrte, Medizin. Als 22-Jähriger publizierte Ernst auf Anregung seines Lehrers, des Entwicklungsbiologen Goette, seine erste wissenschaftliche Arbeit: „Zur Entwicklungsgeschichte der Rhabdocölen“. Mit dieser experimentellen Studie über Strudelwürmer gewann Bresslau nicht nur einen Preis, sondern legte auch die Grundlage für seine umfassenden Kenntnisse in diesem Bereich, die er mit weiteren Publikationen unter Beweis stellte. Ein weiteres Hauptforschungsgebiet Bresslaus waren Aufbau und Entwicklung des Milchdrüsenapparats der Säugetiere. Diesem Thema galt auch seine Dissertation über die Entwicklungsgeschichte der Mammaorgane bei Beuteltieren.
Mit Untersuchungen über Einzeller und andere Kleinstlebewesen machte sich Ernst Bresslau schließlich zudem einen Namen als Protistologe. Ob es nun um diese Arbeiten ging oder etwa den „Samenblasengang der Bienenkönigin“ (1905) – als Leitmotiv all dieser Arbeiten kann man den starken Drang erkennen, der Entwicklung des Lebens überhaupt auf die Spur zu kommen. Gegenüber dieser Neugier waren unmittelbar praktisch verwertbare Untersuchungen beispielsweise über die Bekämpfung von Stechmücken zweitrangig.
Die wissenschaftliche Karriere Bresslaus verlief nicht so geradlinig, wie es sich nach seiner frühen Habilitation (1903) angedeutet hatte. Professor Goette wollte ihn anscheinend nur dann als Assistenten behalten, wenn er unverheiratet blieb, worauf sich weder Ernst Bresslau noch seine Partnerin Luise Hoff  (Heirat 1907) lange einließen. So gab Dr. med. Bresslau seine Assistentenstelle auf und arbeitete für einige Jahre als Gymnasiallehrer, ehe er als Privatdozent der Zoologie an die Universität Straßburg zurückkehrte, bevor er 1909 dort Professor wurde. Der Weltkrieg unterbrach die wissenschaftlichen Arbeiten Professor Bresslaus. Das Schiff, mit dem er von einer Brasilien-Forschungsreise zurückkehrte, wurde von den Briten gestoppt, er selbst inhaftiert. Zurück im Deutschen Reich leistete Professor Bresslau seinen Kriegsdienst im Sanitätsbereich. Als das Elsaß nach der deutschen Niederlage wieder zu Frankreich kam, verlor Bresslau seine Straßburger Professur. Nach Monaten bedrückender Ungewissheit wurde er 1919 Leiter des Zoologischen Instituts am renommierten Georg-Speyer-Haus in Frankfurt, 1925 erfolgte die Ernennung zum Professor für Zoologie an der Universität Köln. Dem angesehenen Zoologen waren nur noch wenige Forschungsjahre vergönnt. Auf den Machtantritt Hitlers 1933 folgte nur wenige Monate später die Zwangsentlassung „nichtarischer“ Beamter. Wie viele Top-Wissenschaftler jüdischer Herkunft sah sich auch Bresslau zur Auswanderung genötigt. Als ihm die Leitung des Zoologischen Instituts an der Universität von São Paulo angeboten wurde, emigrierte er 1934 mit seiner Familie – das Ehepaar Bresslau hatte vier Kinder – nach Brasilien. Es gelang ihm noch, anderen bedrohten Wissenschaftlern – wie der ersten Heidelberger Professorin Gerta von Ubisch – bei der Ausreise zu helfen, aber schon 1935 starb Ernst Bresslau gebrochenen Herzens in Brasilien. Verfasser: Gregor Brand

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