Erwin Wolff

Anglist aus Gemünd

Die ehemals selbständige Gemeinde Gemünd, inzwischen ein Teil Schleidens, ist der Geburtsort eines der führenden deutschen Anglisten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Erwin Wolff, geboren am 30. Januar 1924, war ein Sohn des dort allseits bekannten Volksschulrektors Bernhard Wolff und dessen Ehefrau Ruth Herbrand. Vater Wolf war 1913 als Lehrer nach Gemünd gekommen; als er Ostern 1954 in den Ruhestand ging, hatte er Generationen von Gemündener Kindern durch höchst unterschiedliche politische Systeme begleitet. Sein Sohn Erwin besuchte von 1934 bis 1942 das Gymnasium in Schleiden. Auf das Abitur folgten Kriegseinsatz und sowjetische Gefangenschaft. Erst danach konnte der mit hoher Sprachintelligenz begabte Lehrersohn in Bonn Anglistik, Germanistik und Philosophie studieren. Seine Bonner Dissertation über „Ruskins Denkform“ (1950) galt dem englischen Schriftsteller, Philosophen und Künstler John Ruskin (1819 – 1900). Im Anschluss an ein im nordenglischen Durham als Lektor verbrachten Universitätsjahr arbeitete Dr. Wolff von 1951 bis 1957 als Wissenschaftlicher Assistent wieder in Bonn und widmete sich seiner zweiten wissenschaftlichen Qualifikationsschrift: der 1957 fertiggestellten Habilitationsarbeit über „Shaftesbury und seine Bedeutung für die englische Literatur des 18. Jahrhunderts“. 1957 wurde noch in anderer Hinsicht ein denkwürdiges Jahr für den nun 33-Jährigen: Er erhielt eine außerordentliche Professur an der Universität Göttingen – und er heiratete: Aus der Ehe mit Elke Mackenbach entsprossen die Töchter Veronika und Ruth. Ab 1963 lehrte und forschte Wolff als ordentlicher Professor an der Friedrich-Alexander Universität in Erlangen. Von diesem Lehrstuhl aus, den er bis zu seiner Emeritierung 1992 innehatte, entfaltete er – 1969 von einer Gastprofessur am Kalamazoo College in Michigan unterbrochen – seine wissenschaftliche Wirksamkeit als Anglist und Literaturwissenschaftler.

Wolff gilt in der Anglistik als maßgeblicher Vertreter einer funktionsgeschichtlichen Literaturanalyse. Er sah die Funktion von Literatur darin, Wissen weiterzugeben, zu verbreitern und verständlich zu machen sowie kollektive Identitätsbildung zu fördern. Nach dieser Konzeption reagiert Literatur vor allem auf sozialen Wandel; dass sie selbst aktiv Gesellschaft und Bewusstsein verändern kann, tritt demgegenüber in den Hintergrund. Wissenschaftlich viel beachtet wurde Wolffs 1971 in der Fachzeitschrift Poetica publizierte Abhandlung „Der intendierte Leser“. Darin wirft er die Frage auf: „Ist es wirklich der ,reale‘ Leser, der durch seine privat oder gesellschaftlich bedingten Erwartungen Thematik und Form des literarisch relevanten Buches mitbestimmt?“ Seine Antwort, dass Schriftsteller typischerweise nicht das tatsächliche Lesepublikum im Sinn haben, sondern vielmehr „ideale“ bzw. „intendierte“ – also in ihrem Bewusstsein vorgestellte – Leser, wurde kontrovers diskutiert. Ebenso erging es Wolffs Auffassung, dass sich nicht die Literaturwissenschaft, sondern die Literatursoziologie um die Erforschung der tatsächlichen Leser kümmern solle. Auch wenn solche Streitpunkte sicherlich vielen als allzu akademisch vorkommen, so ist nicht zu verkennen, dass die generelle Frage, wie man literarische Texte auslegen soll und welche Rolle dabei dem Verfasser zukommt, von erheblicher kultureller Bedeutung ist. Wolff wandte seine literaturwissenschaftlichen Grundsätze bei der Analyse zahlreicher Werke der englischsprachigen Literatur an. Ein Schwerpunkt dabei bildete der englische Roman, aber der forschende Blick des Nordeiflers richtete sich auf die gesamte Bandbreite englischer Literatur vom Mittelalter bis zur Moderne. Wenn man bei all den Autoren, über die Wolff schrieb und lehrte – seien es Shakespeare, Milton, Pope, Dryden, Fielding, Joseph Conrad und viele mehr – einen Autor besonders herausheben kann, so ist es der Philosoph und Schriftsteller Shaftesbury (1671 – 1713). Spätestens seit seiner Habilitation befasste sich Wolff immer wieder mit diesem einflussreichen Frühaufklärer. Auf seine Initiative ging das 1982 gestartete DFG-Shaftesbury-Editionsprojekt zurück, das er jahrelang leitete und um das er sich auch noch im Ruhestand intensiv kümmerte. Bereits vorher hatte er sich mit hoher Energie für die kritische Edition sämtlicher – auch bislang noch unveröffentlichter – Shaftesbury-Schriften eingesetzt und dabei die Unterstützung des Verlegers Günther Holzboog gewonnen; 1981 erschien der erste Band dieser grundlegend gewordenen Shaftesbury-Gesamtausgabe.

Die Reputation Wolffs, der 30 Jahre lang Mitherausgeber des Fachjournals Anglia war, kam neben Gremienmitgliedschaften und Rufen an andere Universitäten auch in seiner Wahl zum Sprecher des Deutschen Anglistentages und nicht zuletzt in Festschriften zum Ausdruck. Ansehen anderer Art genoss er in seiner Wahlheimat Erlangen. Der konservative Gelehrte saß für die CSU von 1972 bis 1996 fast ein Vierteljahrhundert lang im Stadtrat. In den Schuljahren seiner Töchter leitete er den Elternbeirat des Albert-Schweitzer-Gymnasiums. Wolffs Einsatz für Städtepartnerschaften – darunter noch zu Zeiten des Kalten Krieges eine mit der russischen Stadt Wladimir – wurde über Parteigrenzen hinweg gewürdigt. Professor Dr. Erwin Wolff starb am 22. September 2007 im Alter von 83 Jahren.

Verfasser: Gregor Brand

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