Hans Geyr von Schweppenburg

Forstwissenschaftler und Vogelkundler aus Müddersheim

Die südöstlich von Düren gelegene Wasserburg Müddersheim ist der Geburtsort des Naturforschers Hans Freiherr Geyr von Schweppenburg. Dort kam er am 3. Oktober 1884 als eines von 13 Kindern des Gutsbesitzers und Majoratsherrn Friedrich Leopold und dessen Ehefrau Sophie Gräfin von und zu Eltz zur Welt. Standesgemäß besuchte der Sohn die Rheinische Ritterakademie in Bedburg, wo er 17-jährig sein Abitur machte. Schweppenburg, ein begeisterter Wald- und Jagdfreund, studierte Forstwissenschaft an den Universitäten Bonn und Berlin sowie an den preußischen Forstakademien in Eberswalde und Münden; 1912 wurde er zum Forstassessor ernannt. Hauptinteressengebiet des jungen Forstwissenschaftlers war aber seit Schülerzeiten die Vogelkunde. Bereits bis zu seinem 20. Lebensjahr veröffentlichte er 15 ornithologische Fachbeiträge; während seiner Studentenjahre setzte er seine Vogelforschungen fort. Seine akribische Auswertung von Eulengewölle führte zu neuen Erkenntnissen über die Eulennahrung, aber auch zur Verbreitung von deren Beutetieren – hauptsächlich Kleinsäuger. Persönlich bedeutsam wurde für Schweppenburg der Austausch mit den befreundeten Zoologen Alexander Koenig (1858 – 1940), dem Gründer des Bonner Museum Koenig, und dessen Mitarbeiter Dr. Otto le Roi (1878-1916). Zusammen mit diesen beiden Tierforschern unternahm er 1907 und 1908 Expeditionen nach Spitzbergen und auf die Bäreninsel, 1913 an den Weißen Nil. Im November 1913 reisten Schweppenburg und der Vogelkundler Paul Spatz (1865 – 1942) nach Algerien und durchquerten dort mit einer Karawane von 24 Dromedaren in sechs Monaten weite Saharagebiete und das Land der Tuaregs. Dabei legten sie eine Strecke von 3000 Kilometern zurück – und dies „in einem Landstrich, den noch nie zuvor ein Naturforscher erreicht hatte“, wie der Zoologe Erwin Stresemann (1889-1972) schrieb. Die strapaziöse Pionierleistung war verbunden mit dem Sammeln von Vogelbälgen, Pflanzen und vorgeschichtlichen Gegenständen sowie von Beobachtungen der Vogelzüge in diesem geheimnisvollen Teil Afrikas. Nur wenige Monate nach der Rückkehr machte der Ausbruch des Weltkriegs weitere Expeditionspläne des physisch sehr leistungsfähigen Freiherrn, der bis ins Alter mit außerordentlicher Gedächtnisstärke und Sehkraft begabt war, zunichte. Voller Vaterlandsbegeisterung meldete sich der Reserve-Oberleutnant zum Fronteinsatz, wurde aber bereits wenige Wochen später am 8. September 1914 in der Marne-Schlacht schwer verwundet: Ein Bein musste amputiert werden; monatelang schwebte Schweppenburg in Lebensgefahr. Als sich seine gesundheitliche Verfassung stabilisiert hatte, veröffentlichte er mehrere lange Beiträge in der Fachzeitschrift Journal für Ornithologie, die den wissenschaftlichen Ertrag der Sahara-Expedition auswerteten. Dazu zählten die Abhandlungen „Vogelzug in der westlichen Sahara“ (1917) und „Ins Land der Tuareg I und II“ (1917/1918). Der Vogelzug war ein Phänomen, das Schweppenburg schon als Jugendlichen stark beschäftigt hatte, 1922 fasste er seine Erkenntnisse in der Schrift „Zur Theorie des Vogelzuges“ zusammen. Seine Deutungen führten zu einer erneuten Kontroverse mit Friedrich von Lucanus (1869 – 1947), der damals (von 1921 bis 1926) an der Spitze der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft stand. Bereits 1903/1904 hatte von Schweppenburg – seinerzeit noch Schüler – im Journal für Ornithologie Notizen zum Vogelzug veröffentlicht, die den Theorien Friedrichs von Lucanus widersprachen.

Fünf Jahre nach Schweppenburgs Beinamputation entwickelte sich beim verbliebenen Bein durch Überlastung eine schmerzhafte Nervenentzündung. Der behandelnde Arzt glaubte, diese mit Röntgenbestrahlung kurieren zu können, aber das Ergebnis war fatal: Das Bein musste bis zum Knie amputiert werden. In einem Brief schilderte Schweppenburg seine deprimierende Situation: „Haben Sie schon einmal einen Hasen mit zerschmetterten Läufen auf einem Kleeacker herumrutschen sehen oder einen Falken mit zerschossenen Flügeln am Boden hüpfen?“ Aber mit der ihm eigenen Willensstärke überwand der Baron auch diese Krise und nahm seine Arbeit wieder auf. Er wurde zum Staats-Oberförster ernannt und promovierte 1923 mit einer Arbeit über das Subspezies-Konzept. 1924 wurde er an der Forstlichen Hochschule Münden zum außerordentlichen Professor für Ornithologie, Fortschutz und Waldbau ernannt; er lehrte dort bis zu seiner von ihm beantragten Entpflichtung 1938. Die weiteren Lebensjahre verbrachte der Freiherr auf dem Nordeifler Wasserschloss Eicks. Hier war er mit der Verwaltung der schlosseigenen Waldgebiete betraut, nutzte die ländliche Ruhe aber auch, um weiterhin vogelkundlich zu forschen. Die idyllische Umgebung konnte allerdings die Sorgen nicht verdrängen, die durch den neuen Weltkrieg aufbrachen. Gegen Kriegsende gelang es ihm, gerade noch sein Leben zu retten, aber er erlebte die Schloss-Plünderung durch US-Soldaten: „Sie zerstörten viele Werke mutwillig und vieles, sehr vieles ging mit ihnen.“ Umso mehr genoss Schweppenburg, der bis in sein Todesjahr hinein wissenschaftlich publizierte, den Frieden der letzten Lebensjahrzehnte. Professor Dr. Hans Freiherr Geyr von Schweppenburg, Ehrenmitglied der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft, verstarb am 24. August 1963.

Verfasser: Gregor Brand