Henri Pousseur

Komponist und Musiktheoretiker aus Malmedy

Henri Pousseur kam 1929 in der Kleinstadt Malmedy zur Welt, die zehn Jahre zuvor noch Teil des Deutschen Reiches gewesen war. Bis zum Ende seiner Schulzeit wechselte er infolge der politischen Ereignisse mehrfach Staatsangehörigkeit und Schulsystem. 1947 begann Pousseur das Musikstudium am Konservatorium in Lüttich. Der Organist und Komponist Pierre Froidebise wurde dort einer seiner wichtigsten Lehrmeister, beeinflusst durch ihn lernte er das Werk avantgardistischer Musiker des 20. Jahrhunderts kennen, insbesondere das der Wiener Komponisten Anton Webern, Alban Berg und Arnold Schönberg. Intensiviert wurde Pousseurs Hinwendung zu dieser Musik durch die Begegnung mit dem Komponisten und Dirigenten René Leibowitz, einem höchst einflussreichen Fürsprecher der Zwölftontechnik Schönbergs und engagierten Befürworter der neuen Musik.

Der ostbelgische Jungmusiker war, wie so viele in den Nachkriegsjahren, fasziniert von dieser ungewohnten atonalen Klangwelt, die dem Lebensgefühl entsprach, dass Europa sich quasi neu erfinden müsse. Pousseur schloss sich einer Gruppe Lütticher Zwölftöner an und komponierte früh unter dem Einfluss dieser Musikrichtung, mit deren führenden Köpfen – insbesondere Pierre Boulez und dem Rheinländer Karlheinz Stockhausen – er bald persönlich bestens bekannt wurde. In dem von Stockhausen geprägten Studio für elektronische Musik des WDR konnte Pousseur 1954 sein erstes elektromusikalisches Werk (Séismogramm) erstellen, weitere Kompositionen erlebten in den 1950er Jahren Aufführungen an den Zentren elektronischer Musik von Darmstadt bis Mailand. Bei den Donaueschinger Musiktagen 1955 debütierte er mit dem Stück „Quintette à la mémoire d‘Anton Webern“. Bei den Internationalen Ferienkursen für Neue Musik in Darmstadt war Pousseur als Teilnehmer und Dozent eine sehr präsente Persönlichkeit.

Während dieser Jahre wurde er zu einem der Hauptakteure der von mathematischen Prinzipien und Zahlenkonstruktionen bestimmten seriellen Musik, für die er in Wort und Schrift warb. Verbunden war dieser Einsatz oftmals mit einer beißenden Kritik an der klassischen Musik, der Pousseur mit dem Eifer eines Jungrevolutionärs vorwarf, dass sie die Hörer in ihrer „Wahrnehmungsträgheit“ bestärke und sich autoritär aufdränge, sodass dass man durch klassische Musik gewissermaßen „vergewaltigt“ werde. Demgegenüber gewähre die serielle Musik mit ihrer hörpsychologischen Unberechenbarkeit und den permanenten Überraschungsmomenten nahezu unbegrenzte Hörfreiheit. Diese radikale Haltung gegenüber traditionellen Musikauffassungen – mit denen Pousseur hervorragend vertraut war – ließ in den 1960er Jahren nach: „Pousseurs Blitzkarriere als Serialist war jedoch nicht von Bestand“, konstatierte der Musikwissenschaftler Rainer Nonnenmann. Damit bezog er sich auf die von Pousseur entwickelten Neuerungen der seriellen Konzepte. Diese führten dazu, dass die vormals verpönte Tonalität in der Form eines „Seritonalismus“ zurückkehrte und Pousseur damit – nach Einschätzung Nonnenmanns – dem Serialismus die Tonalität wieder zurückgab.

Trotz seiner Orientierung auf das westdeutsche Musikgeschehen hatte Pousseur lange seinen Lebensmittelpunkt in Ostbelgien, wo er nach Studium und Militärdienstzeit als Musiklehrer in Eupen wirkte. 1954 heiratete er Théa Schoonbrood; aus der Ehe gingen drei Töchter und ein Sohn hervor. Insgesamt fühlte sich Pousseur, der bis in die 1960er Jahre hinein „eine prägende Gestalt des westdeutschen Musiklebens“ (R. Nonnenmann, 2009) war, jedoch besonders dem wallonisch-französischen Kulturraum verbunden. 1963 scheiterte eine Bewerbung um die Leitung des Musikkonservatoriums Lüttich, Pousseur ließ sich davon nicht abhalten, sich weiterhin intensiv musikpädagogisch zu engagieren. Zunächst fern der ostbelgischen Heimat: 1963/64 in Basel, dann drei Jahre lang an der Universität Buffalo im US-Bundestaat New York. Nach seiner Rückkehr gründete er in Lüttich ein Musikforschungszentrum, ab 1970 lehrte er als Dozent an der Universität Lüttich, 1975 wurde er doch noch Direktor des Lütticher Konservatoriums. An all diesen Orten arbeitete er neben seiner Unterrichtstätigkeit hochkreativ an vielfältigen Kompositionen – u. a. der Aufsehen erregenden Oper „Votre Faust“ – und an musikwissenschaftlichen Publikationen. „Pousseur war einer der bewusstesten und bis ins Detail seine Mittel reflektierender Künstler, dem ich begegnet bin“ (so der Komponist und Dirigent Hans Zender).

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts rückte für den inzwischen fast 70-Jährigen der Gedanke der Multikulturalität weiter in den Vordergrund. Multikulturalität bedeutete für Pousseur die bewusste Einbeziehung der Musik unterschiedlicher Kulturen, wobei es ihm wichtig war, dass diese Kulturen erhalten und unterscheidbar bleiben. Er verstand den Begriff als Gegensatz zu dem einer gleichmacherischen Globalisierung: „Ich glaube im Gegenteil, dass die Globalisierung, insofern sie eine Nivellierung enthält, natürlich etwas ist, wogegen man arbeiten muss“. In seinem letzten Lebensjahrzehnt litt der vielfach geehrte Musiker ausgerechnet unter Hyperakusis, einer krankhaften Überempfindlichkeit gegenüber Schall. Henri Pousseur erlag im März 2009, drei Monate vor seinem 80. Geburtstag, in Waterloo bei Brüssel einer Lungenentzündung.

Verfasser: Gregor Brand