Hermann O. L. Fischer – Biochemiker

Sohn des Euskirchener Nobelpreisträgers Emil Fischer

Hermann O. L. Fischer

Hermann Otto Laurenz Fischer – ältester Sohn des Eifler Nobelpreisträgers Emil Fischer (1852 – 1919) und dessen Frau, der Professorentochter Agnes Gerlach (1867 – 1895) – wurde nicht so berühmt wie sein Vater, zeichnete sich aber ebenfalls als herausragender Chemiker aus. Geboren am 16. Dezember des Dreikaiserjahrs 1888 – neun Monate nach der Hochzeitsreise der Eltern – in Würzburg, verbrachte er die ersten Lebensjahre in der Mainstadt. Nach der Berufung Emil Fischers nach Berlin zog die Familie 1892 in die Hauptstadt.

Drei Jahre später verstarb die Mutter infolge einer Hirnhautentzündung. Der Vater, von Hermann geliebt und bewundert, kümmerte sich nach Kräften um die Erziehung seiner Söhne und unterhielt sich bei den gemeinsamen Mahlzeiten ausgiebig mit den Jungen. Zunehmend wurde auch die Chemie zum beliebten Gesprächsthema – ganz im Gegensatz zu Hermanns Ausbildung am altsprachlichen Gymnasium, wo die Naturwissenschaften nur eine Nebenrolle spielten. Nach dem Abitur verbrachte er auf Rat seines Vaters ein Studienjahr an der englischen Universität Cambridge, dann studierte er – nach einjährigem preußischem Militärdienst – Chemie an den Universitäten Berlin und Jena, wo Professor Ludwig Knorr (1859 – 1921), ein Schüler seines Vaters, sein wichtigster Lehrmeister wurde. 1912 erwarb er in Jena mit einer Arbeit „Zur Kenntnis des Acetylacetons“ den Doktortitel – zugleich seine erste wissenschaftliche Veröffentlichung, der bis zum Ruhestand rund 200 weitere folgten.

Nach der Promotion kehrte Hermann Fischer an das von seinem Vater geleitete höchst angesehene Chemische Institut in Berlin zurück – damals eine der größten Forschungsstätten Europas, wo z.B. auch Otto Hahn und Lise Meitner, die späteren Pioniere der Atomspaltung, forschten. In jenen Jahren vor dem Weltkrieg arbeiteten Vater und Sohn Fischer besonders eng zusammen – Hermann nannte dies später die glücklichste Zeit seines Lebens. Zusammen mit seinen Brüdern Walter und Alfred, die Medizin studierten, entwickelte er hochgesteckte gemeinsame Forschungspläne. Dann brach der Weltkrieg aus, der sich für die Fischers auch persönlich zur Katastrophe entwickelte. Walter wurde depressiv und beging 1916 Selbstmord, Alfred erlag 1917 in Rumänien dem Fleckfieber, und ein Dreivierteljahr nach Kriegsende tötete sich auch Vater Emil Fischer mit eigener Hand.

Trotz dieser traumatischen Umstände, zu denen die deprimierende Notsituation der Nachkriegsjahre hinzukam, gelang es Hermann Fischer, in Berlin ein Forschungsteam um sich zu versammeln, das grundlegende Studien im Bereich der organischen Chemie – wo deutsche Wissenschaftler bis 1914 weltweit monopolartig führend gewesen waren – vornahm. Hauptforschungsthemen waren einerseits die in Pflanzen und Nahrungsmitten vorkommende Chinasäure, andererseits komplizierte Grundlagenfragen der Kohlenhydratchemie. Zusammen mit Dr. Gerda Dangschat (gest. 1964) gelang es ihm, den Aufbau der Chinasäure zu klären, was zu neuen Erkenntnissen bei anderen Substanzen (z.B. Kaffeesäure) führte.

Entdeckungen zur Struktur und Funktion weiterer organisch hoch bedeutsamer Stoffe gingen ebenfalls auf das Erfolgskonto von Fischer und seinen Mitarbeitern. Trotz dieser Berliner Erfolgsbilanz entschloss sich Hermann Fischer Anfang der 1930er Jahre, Deutschland zu verlassen und 1932 einen Ruf auf eine Professur für Pharmazeutische Chemie an der Universität Basel anzunehmen. Hauptgrund dafür war wohl die sich zuspitzende politische Entwicklung in der Weimarer Republik. Seit 1922 war Fischer mit Ruth Seckels (1893 – 1971), einer Jüdin aus St. Goarshausen, verheiratet und Vater von drei Kindern geworden (Agnes, Laurenz, Gerhard). Der Aufstieg der Nationalsozialisten beunruhigte seine Frau und ihn stark.

1937 folgte er einer Empfehlung des kanadischen Insulin-Entdeckers Frederick Banting und wechselte als Professor nach Toronto (Kanada), wo er mit seiner Familie nicht nur den zweiten Weltkrieg überstand, sondern ungehindert forschen konnte. Mit großem Erfolg: Mit weiteren Entdeckungen konnte dank Fischer die Chemie der Kohlenhydrate „entscheidend vertieft und erweitert werden“, wie der Biochemiker Lothar Jaenicke (1923 – 2015) jene Jahre bilanzierte. Fischer gelangen elementare Beiträge zu den Phospholipiden, und die Biochemie des für den Körper wichtigen Stoffs Inositol nahm mit seinen Forschungen ihren Anfang.

Als der US-Chemiker und Nobelpreisträger Wendell M. Stanley (1904 – 1971) im Jahr 1948 an der University of California in Berkeley mit dem Aufbau einer biochemischen Abteilung begann, wandte er sich an Fischer, der daraufhin dem Ruf nach Berkeley folgte, wo er neben Stanley zum führenden Kopf der biochemischen Forschung wurde. Wie sehr sich Fischer dieser letzten Station seines Lebenswegs verbunden fühlte, zeigte sich darin, dass er der kalifornischen Universität seinen Nachlass und seine Bibliothek von 4000 Bänden vermachte. Der 1956 emeritierte organische Chemiker war 1955 in der Bundesrepublik mit der renommierten Adolf von Baeyer-Denkmünze geehrt worden; an der Festschrift zu seinem 70. Geburtstag wirkten Spitzenchemiker aus aller Welt mit. Bis in sein letztes Lebensjahr wissenschaftlich aktiv, verstarb Hermann Fischer am 9. März 1960 in Berkeley nach einer Operation, aus der er nicht mehr erwachte.

Verfasser: Gregor Brand