Hermann Schwarz

Philosoph aus Düren

Hermann Schwarz kam 1864 in Düren als Sohn des gleichnamigen lutherischen Oberlehrers Dr. Hermann Schwarz und dessen Ehefrau Emma Cuno zur Welt. Vater Schwarz stammte aus Holdenstedt, einem Dorf in Sachsen-Anhalt in der Nähe der Lutherstadt Eisleben. Düren war eine berufliche Durchgangsstation des Vaters, dessen pädagogisches Hauptwirken sich ab 1871 als Rektor der höheren Bürgerschule zu Gumbinnen in Ostpreußen entfaltete. Der Sohn Hermann erhielt seine höhere Schulbildung nicht mehr in der Eifel, sondern auf dem Realgymnasium im masurischen Hohenstein sowie auf der Schule seines Vaters in Gumbinnen und schließlich auf der Lateinischen Hauptschule der Franckeschen Stiftungen in Halle. In der Saalestadt machte er mit 19 Jahren Abitur und studierte dort anschließend Mathematik und Naturwissenschaften.
1888 promovierte Schwarz in Halle beim Mathematiker Georg Cantor (1845-1918), dem berühmten Theoretiker der Mengenlehre, über ein von diesem angeregtes Thema: „Ein Beitrag zur Theorie der Ordnungstypen“. 1889 absolvierte Dr. phil. Schwarz die Lehramtsprüfung für die Fächer Mathematik, Physik, Botanik und Zoologie und unterrichtete danach fünf Jahre lang am Hallenser Freiwilligen-Institut von Dr. Harang Mathematik und Physik. Nebenher arbeitete er an seiner Habilitation. Seine Habilitationsschrift „Die Lehre von den Sinnesqualitäten bei Descartes und Hobbes“ (1894) verband naturwissenschaftliche, psychologische und philosophische Fragen. Nach 14-jähriger Privatdozententätigkeit in Halle wurde Schwarz 1908 außerordentlicher Professor in Marburg. Nach Vermutung von Ulrich Sieg (1994) hatte er es an dieser Hochburg des Neukantianismus schwer, zumal Hermann Cohen, der damals dominierende Philosoph in Marburg, gegen ihn polemisierte. Im Gegensatz zu Cohen, für den Geist und Natur streng zu trennen sind, lehnte Schwarz die Vorstellung von menschenunabhängigen „Ideen, die überzeitlich und überräumlich vorher gegeben wären“, ab.
Schwarz hatte sich bereits während seiner Hallenser Dozentenjahre durch umfangreiche philosophisch-psychologische Arbeiten einen Namen gemacht. Renommierte Gelehrte wie Wilhelm Wundt oder Hans Vaihinger besprachen seine Schriften, und 1907 wurde Schwarz Herausgeber der angesehenen „Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik“. 1910 nahm er einen Ruf als Ordinarius für Philosophie an die Universität Greifswald an, wo er bis zu einer Emeritierung 1933 blieb. Bemerkenswert ist, dass sich Schwarz im Berufungsverfahren gegen den heute ungleich berühmteren Philosophen Georg Simmel durchsetzen konnte. 1918 gehörte Schwarz zu den Initiatoren der Deutschen Philosophischen Gesellschaft, 1922 wurde er Rektor der Universität Greifswald.
Zu den Besonderheiten des Denkweges von Schwarz gehört, dass er sich nach 1918 so stark wie kein anderer deutscher Philosoph völkisch geprägtem Philosophieren zuwandte. Politisch führte dies dazu, dass er sich 1923 „als erster Philosoph überhaupt“ (M. Michalski, 2010) der NSDAP anschloss. Auch wenn er die Partei 1924 wieder verließ, besteht kein Zweifel, dass er vom Nationalsozialismus überzeugt blieb. In Wort und Schrift lehnte er die liberalistischen Grundlagen der Weimarer Republik entschieden ab. Philosophisch ging es ihm darum, seine Konzeption vom „metaphysischen Wesen des Volkstums“ in unterschiedlichen Philosophiebereichen – etwa Ethik und Staatslehre – theoretisch zu verankern und Staat, Kultur, Erziehung und Religion von dieser Basis des „Deutschseins“ aus neu zu denken. In vielfältigen Variationen versuchte Schwarz darzulegen, was das Besondere des deutschen Denkens und der deutschen Kultur sei. Dabei war er, wie so viele seiner Landsleute damals, überzeugt von der Überlegenheit und Einzigartigkeit deutschen Geistes. Ideelle Leitfiguren waren ihm die altdeutschen Mystiker Meister Eckhart und Jakob Böhme und, aus der jüngeren Philosophiegeschichte, J. G. Fichte (1762-1814). Bei vielen Gelegenheiten stellte Schwarz den auf Rügen geborenen Greifswalder Professor Ernst Moritz Arndt (1769-1860) als Vorbild heraus.
Trotz Emeritierung nahm Schwarz 1934 eine neue Lehrtätigkeit an der TH Darmstadt auf. Eine große Rolle in seinem Spätwerk spielte die Religion. Schwarz lehnte die jüdische Religiosität ab, weil sie mit nordisch-deutscher Wesensart nicht vereinbar sei: „Die Frömmigkeit unserer germanischen Vorfahren bestand im Erleben von Ewigkeitswerten, die Frömmigkeit der Juden bestand in Gottesdienst.“ Schwarz war trotz seines Antijudaismus und seiner Kritik am Christentum kein prinzipieller Religionsfeind, sondern hoffte, dass sich eine neue Religiosität auf der Grundlage des Volkstums entwickeln werde. Er lobte Alfred Rosenbergs „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ als „nordisches Evangelium“, auch wenn er einzelne philosophische Konzepte des NS-Chefideologen kritisierte. Nach dem Ende der NS-Herrschaft war Schwarz, der 1939 die Goethe-Medaille erhalten hatte und 1951 in Darmstadt verstarb, verständlicherweise verpönt. Seit einiger Zeit wird der – nach eigenen Worten – „unverbesserliche Metaphysiker“ Hermann Schwarz „gerade in neueren Publikationen häufig genannt“ (C. Henning, 1999). Sein komplexes philosophisches Gesamtwerk, das über seinen „theologischen Nationalsozialismus“ (E. Nolte, 1988) deutlich hinausgeht, ist inhaltlich erst ansatzweise ausgewertet.

Verfasser: Gregor Brand