Johannes Thiel

Maler, Illustrator, Graphiker und Dichter aus Speicher

Johannes Thiel kam 11. September 1889 als fünftes Kind des Kaufmanns Wilhelm Thiel und dessen Ehefrau Elisabeth Müller in Speicher zur Welt. Die frühen Kinderjahre verbrachte er in seinem Geburtsort, aber noch vor seiner Volksschulzeit zog die Familie nach Koblenz. Nach seiner schulischen Ausbildung, die den Besuch von Privatschulen einschloss, bereitete er sich intensiv auf den ersehnten Künstlerberuf vor. Er durfte an der angesehenen Akademie der Bildenden Künste München studieren, wo Peter Halm (1854 – 1923), Professor für Radierkunst, zu seinem wichtigsten Lehrer wurde. Weitere Station seiner Künstler-Ausbildung war die Kunstakademie Stuttgart, hier zählte er zu den Schülern des Landschaftsmalers Professor Christian Landenberger (1862 – 1927). Nach diesen akademischen Studien begab sich der junge Rheinländer von 1912 bis 1914 auf Reisen in die katholischen Hochgebiete europäischer Kunst: nach Italien, Spanien und Frankreich. Im aufflammenden Weltkrieg wurde Thiel in einem der tödlichsten Brennpunkte des Krieges als Soldat eingesetzt: Bei der „Blutmühle“ Verdun brachte ihn 1916 ein Lungendurchschuss an den Rand des Todes. Thiel wurde in ein Freiburger Lazarett verlegt, wo nicht nur seine Verwundung heilen konnte, sondern wo er sich auch verliebte: Die dort als Krankenschwester tätige Rosa Teufel wurde 1919 seine erste Frau. Als Rosa nach zehnjähriger Ehe 1929 starb, war dies ein schrecklicher Verlust, zu dem 1931 noch als weiterer Schicksalsschlag der frühe Tod seines siebenjährigen Sohnes hinzukam.

In künstlerischer Hinsicht waren die zwanziger Jahre für Thiel erfolgreich gewesen. Schnell wurde der inzwischen in Freiburg Lebende zu einem bekannten Maler und Grafiker, der sich vor allem als geschätzter Buchillustrator zu Werken namhafter Autoren der Vergangenheit (z. B. Molière) oder der Gegenwart einen Namen machte. Zu den damals erfolgreichen Autoren, mit denen er zusammenarbeitete, gehörte mit dem aus Gemünd stammenden Wilhelm Matthießen (1891-1965) auch ein Eifler Landsmann; Thiel illustrierte einige von Matthießens populären Kinder- und Märchenbüchern (z. B. „Karlemann und Flederwisch“ oder „Die Katzenburg“). Darüber hinaus veröffentlichte Thiel auch selbstverfasste und illustrierte Werke – quasi Comics – für ein junges Lesepublikum. Beliebt war sein in München erschienenes 36-seitiges Büchlein „Der kleine Autoheld“ (1928), dessen 68 farbige Bilder von humorvollen, in Fraktur gesetzten Versen Thiels umrahmt wurden. Bekannt wurde auch das Märchenbuch „Strupp“ (1927), in dem er auf 228 farbigen Bildern mit ebenso vielen Zweizeilern die Abenteuer des Zwerges Strupp schilderte oder sein mit 100 Bildern versehenes Buch „Die tanzende Uhr“ (1928). Thiel arbeitete mit vielerlei Techniken und Materialien: Radierungen, Federzeichnungen, Aquarelle, Tempera und anderes mehr. Vielfältig war auch die Thematik seiner Werke, bei denen sich präzise Darstellungen moderner Technikbauten ebenso finden wie Porträts, Landschaften, Stadt- und Dorfansichten. In den 1930er Jahren war Thiel weiterhin als vielbeschäftigter Buchillustrator (insbesondere beim Herder-Verlag, Freiburg) und auf anderen künstlerischen Gebieten tätig. Im neuen Weltkrieg musste Thiel den Tod eines zweiten Sohnes betrauern, der als Luftwaffenangehöriger im Raum Smolensk fiel. Obwohl schon über 50 Jahre alt, meldete sich Thiel freiwillig zum Kriegseinsatz, woraufhin er von der Wehrmacht als Bordfunker eingesetzt wurde; zudem war er als Kriegsmaler in der Sowjetunion, Frankreich und Norwegen aktiv. Die Nachkriegszeit brachte privates Glück: Thiel heiratete 1946 Margarethe Roßberg und wurde Vater einer Tochter. Er malte nun vorwiegend Landschaftsbilder, wobei er Tempera und Aquarell favorisierte, und wurde „einer der bedeutendsten deutschen Landschaftsaquarellisten“, wie der Kunstkenner und Neurologe Richard Jung (1911 – 1986) feststellte, wobei er darauf hinwies, dass die Bekanntheit des sehr zurückgezogenen lebenden Künstlers dem leider nicht entsprach. Professor Jung interessierte sich für die Neuropsychologie und Neurophysiologie des Formsehens und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang intensiv mit Johannes Thiel, dessen Werk und späte Krankengeschichte ihm gleichermaßen vertraut waren. Thiel – ein hagerer, fast asketisch wirkender Mann – hatte 1959 und 1960 zwei leichte Schlaganfälle erlitten, die seine linke Hand schwächten. Dennoch schuf er gerade in jenen Jahren Hunderte von bewunderten Landschaftsaquarellen in ungebrochener Schaffenskraft und musizierte weiterhin auf seiner Laute. Nach einem erneuten Schlaganfall ausgerechnet am Johannes-Tag 1962 musste Thiel nach totaler Linksseitenlähmung sein Schaffen endgültig einstellen. Er starb wenig später am 31. Juli 1962 in einer Freiburger Klinik und wurde auf dem Friedhof seines langjährigen Schwarzwälder Wohnorts Kirchzarten beerdigt.

Johannes Thiel, der 1960 den Hans-Thoma-Staatspreis erhalten hatte, ist auch in seinem Geburtsort, in den er lange Zeit verwandtschaftliche Kontakte aufrechterhielt, nicht vergessen. Vor allem der Speicherer Heimathistoriker Werner Peter Streit hat vielfach, u. a. durch lokale Ausstellungen, auf den großen Sohn der Südeifelstadt aufmerksam gemacht, deren Heimatmuseum sogar Manuskripte von ihm aufbewahrt. 

Verfasser: Gregor Brand

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