Julius Berger

Publizist und Zionist aus Niederbreisig

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Julius Berger

„Die Haupttriebskraft z. B., die entscheidend dafür ist, ob sich ein Einwanderer in Erez Israel behaupten kann, die zionistische Idee und ihre Stärke im Einzelfalle läßt sich psychotechnisch nicht feststellen.“ So schrieb der sieben Jahre zuvor in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina eingewanderte Julius Berger 1930 in seiner Abhandlung „Bemerkungen zur Psychologie der Juden in Palästina“. Wenn man seine Feststellung auf ihn selbst anwandte, konnte kein Zweifel daran bestehen, dass sich Berger in seiner neuen Heimat behaupten würde: Die zionistische Idee – also der Gedanke, dass sich die Juden in „Erez Israel“ (Land Israel) einen eigenen Staat schaffen sollten – war bei ihm seit Jugendtagen aufs Stärkste ausgeprägt. Berger gehörte nicht nur zur ersten Generation der deutschen Zionisten, sondern auch zu den führenden Persönlichkeiten dieser Weltbewegung überhaupt. In einem Brief aus dem Jahr 1938, den seine Urenkelin Ayelet Bargur in ihrem Buch „Ahawah heißt Liebe“ (2006) wiedergibt, erinnerte sich der 1883 in Niederbreisig geborene Julius Berger genau, wann und wo er zum ersten Mal etwas vom Zionismus hörte: 1896 in seinem Eifler Geburtsort, am Tag seiner Bar Mitzwa, als nach jüdischem Recht seine Religionsmündigkeit eintrat.

Der von Theodor Herzl konzipierte Zionismus war damals eine aufsehenerregend neue Idee, die jedoch zunächst bei den meisten Juden auf Skepsis und Ablehnung stieß. „Die alten Leute haben über diese Idee gelacht“, schrieb Berger seinem Neffen in Jerusalem. Viele konnten sich in der Tat nicht vorstellen, ihre europäischen Heimatländer, wo ihre Vorfahren seit mehr als 1000 Jahren gelebt hatten, zugunsten einer morgenländischen Vision aufzugeben. „Wenn Messias ins Haus einträte und mich aufforderte, nach Palästina zu gehen, würde ich ihn hinauswerfen!“, hörte der junge Berger den greisen Abraham Cahn aus Remagen ausrufen. Vier Jahre nach den ersten Familiengesprächen über den Zionismus schloss sich der nun 17-jährige Berger der neuen Bewegung an, die sich weiterhin gegen heftigste innerjüdische Kritik behaupten musste. Berger war zu diesem Zeitpunkt Gymnasiast in Köln,  wohin die Kaufmannsfamilie einige Zeit nach dem Tod des frühverstorbenen Vaters Jonas Berger (1855 Niederzissen – 1893 Niederbreisig) umgezogen war.

Zur Familie gehörten damals außer der Mutter Henriette (geb. Pelzer aus Speicher) noch fünf weitere Geschwister, darunter die als Kinderheimleiterin bekannt gewordene Beate Berger und der sozialistische Politiker Alfred Berger. Nach dem Gymnasium und dem Tod der Mutter (1902) arbeitete Julius in der Verwaltung des Städtischen Theaters Kölns. Bereits mit 24 Jahren wurde der sportbegeisterte Berger – er hatte 1902 in Köln den ersten deutschen Maccabi-Club  gegründet – Generalsekretär der Zionistischen Weltorganisation unter dem Vorsitzenden David Wolffsohn. Die folgenden Jahre und Jahrzehnte  waren für den Niederbreisiger  vom organisatorischen und publizistischen Engagement für die zionistische Bewegung gekennzeichnet.

Spätestens in der Zeit des Ersten Weltkriegs wurde Berger zu einem Hauptfürsprecher des Ostjudentums, wobei er sich mit seinem so genannten „Ostjuden-Kult“ nicht nur Freunde machte. Berger lernte auf zahlreichen Reisen nach Osteuropa die dortigen teilweise armseligen jüdischen Lebensbedingungen aus erster Hand kennen. Empört war er im Weltkrieg über die vielfach schikanöse und brutale Behandlung der jüdischen Bevölkerung durch deutsche Soldaten und Beamte, die aus ihrem Überlegenheitsgefühl kein Hehl machten. 1917 wurde Berger Leiter der Jüdischen Abteilung in der deutschen „Arbeiterzentrale“ in Warschau, nach dem Krieg setzte er sich wie sein Bruder Alfred für ostjüdische Flüchtlinge ein, ehe er 1923 mit seinen Söhnen Hans und Rudolf den Schritt tat, den er seinen jüdischen Mitbürgern sein Leben lang ans Herz legte: die Auswanderung nach Palästina. Hauptwirkungsfeld Bergers in der neuen nahöstlichen Heimat war die publizistisch-propagandistische Arbeit, bei der ihm seine europäischen Erfahrungen von Nutzen waren. Noch vor dem Weltkrieg war Berger als Redakteur der Zeitschrift „Die Welt“ sowie später als Mitarbeiter an der vom Philosophen Martin Buber gegründeten Monatsschrift „Der Jude“ in Kontakt mit vielen politisch und intellektuell bedeutenden jüdischen Zeitgenossen gekommen. Den eigentlichen Triumph des Zionismus, die formelle Gründung des Staates Israel im Jahr 1948, erlebte Julius Berger nicht mehr, da er wenige Monate zuvor verstarb. Aber sein Leben endete mit dem Wissen, dass die Idee, über die – nach seinen Worten – die alten Juden einst gelacht hatten, sich durchgesetzt hatte und seine Lebensarbeit nicht umsonst gewesen war. Einige Jahrzehnte nach Holocaust, Weltkrieg und Staatsgründung kam es dank des Einsatzes des Heimathistorikers C. B. Hommen (1913–2004) zu erneuerten Verbindungen der Berger-Familie mit Bad Breisig und der Region, wo ihre Vorfahren schon vor dem Dreißigjährigen Krieg gelebt hatten.. Verfasser: Gregor Brand

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