Karl Theodor André

Anwalt, Politiker und Dichter aus Roth an der Our

Karl Theodor André
Karl Theodor André

Es ist ein auffälliges Phänomen in der Geschichte der Eifel, dass vielfach diejenigen bürgerlichen Familien, die vor der Französischen Revolution wichtige Beamtenstellen in den einzelnen adligen Herrschaften innehatten, maßgeblich das politische Geschehen auch nach 1800 bestimmten. In Luxemburg rekrutierte sich die politische Führungsschicht im 19. Jahrhundert zu einem guten Teil aus den vorrevolutionären Familien der Verwalter, Friedensrichter und sonstigen Amtsträger – viele davon aus der Eifel. In diesem Zusammenhang könnte man auf die Willmar aus Prüm, die München aus Dudeldorf oder eben auf die André aus Roth an der Our verweisen. Diese Familie verwaltete im 18. Jahrhundert die Niederlassung des Malteser-Ordens im Schloss zu Roth. Nach der Enteignung der Malteser erwarb der wohlhabende Notar Franz Julian André, Bürgermeister von Vianden, 1797 das Schloss samt zahlreicher Ländereien; bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blieb es in Familienbesitz.

Die bedeutendsten Angehörigen der André-Familie im 19. Jahrhundert waren die Brüder Philipp Christian und Karl Theodor (Charles Théodore) André einerseits sowie ihr Vetter Karl Mathias André (1809–1891) andererseits. Während Philipp Christian als preußischer Abgeordneter Karriere machte, waren die beiden letztgenannten namhafte Juristen und Politiker in Luxemburg. Karl Theodor André kam 1822 als Preuße zur Welt, da Roth an der Our nach der 1815 erfolgten Neuordnung der luxemburgischen Gebiete wegen seiner Lage östlich des Grenzflusses Our Teil Rheinpreußens geworden war. Passend zum Grenzortcharakter seines Geburtsorts schwankte der Ausbildungsweg Karl Theodors zwischen Preußen und Luxemburg: zunächst Primärschule in Roth und Progymnasium in Echternach, danach das Gymnasium in Trier und schließlich drei Jahre am Athenäum zu Luxemburg (1838–1841). Nach Abschluss seiner rechtswissenschaftlichen Studien in München und Paris ließ sich Karl Theodor André in der Stadt Luxemburg als Anwalt nieder und engagierte sich zudem in der luxemburgischen Politik.

Der 26-jährige redegewandte Jungadvokat wurde Abgeordneter des Kantons Remich (1848–1854), später vertrat er als populärer Deputierter den Kanton Luxemburg (1860–1875). Im Revolutionsjahr 1848 ließ sich Karl Theodor André von der allgemeinen revolutionären Stimmung mitreißen. Im April 1848 konzipierte er die Gründung einer luxemburgischen Arbeiterpartei und wandte sich mit einem revolutionären „Aufruf an die Arbeiter des Luxemburger Lande“ an die Öffentlichkeit. Dieses Manifest Andrés gilt als „Geburtsurkunde der luxemburgischen Arbeiterbewegung (G.Mannes/J. Schmitz) und machte den „rouden André“, wie er auch wegen seiner Haarfarbe genannt wurde, im Land bekannt und populär. Darin wurden nicht nur politische Forderungen wie allgemeines Wahlrecht, Versammlungsfreiheit oder Pressefreiheit erhoben, sondern etwa auch die Festlegung eines garantierten Mindestlohns und staatliche Hilfen bei Arbeitslosigkeit verlangt.

Ein anderes für Luxemburg historisches Ereignis wurde früher ebenfalls dem „roten“ Karl Theodor André zugesprochen, ging aber nach neuerer Forschung auf dessen Vetter Karl Mathias zurück. Karl Mathias André kam das Verdienst zu, als Erster im luxemburgischen Parlament eine Rede auf Luxemburgisch gehalten zu haben. Offizielle Sprachen waren bis dahin nur Französisch und Hochdeutsch gewesen, aber als Karl Mathias André in der Debatte vom 28. April 1848 ans Rednerpult trat, setzte er seine Rede nach einleitenden Sätzen in Französisch auf Letzeburgisch fort. Neben seiner anwaltlichen und politischen Tätigkeit findet Karl Theodor André bis heute als luxemburgischen Dichter Beachtung.

Dies geht auf zwei Gedichtsammlungen zurück, die 1859 und 1860 unter dem Pseudonym „Sempronius“ erschienen. Es bestehen allerdings gewisse Zweifel, ob sich hinter „Sempronius“ und den teils gefühlvoll spätromantischen, teils politisch engagierten Gedichten wirklich der Luxemburger Karl Theodor André verbirgt. Wenn auch der Inhalt stark auf André hindeutet, so gibt doch das „Lexicon pseudonymorum“ von Emil Weller den Hallenser Philosophen Friedrich H. T. Allihn als Verfasser an; in dieser Frage besteht noch Forschungsbedarf. Über Karl Theodors letzte Lebensjahre ist nicht mehr viel bekannt. Aufgrund von Nervenleiden musste er sich öfters in Heilanstalten behandeln lassen.

Als Glanzlicht seiner späteren Jahre empfand er die Besuche des mit ihm befreundeten weltberühmten französischen Schriftstellers Victor Hugo im Sommer 1871 in Roth. Allgemein zählte der hochgewachsene und auf seine germanische Herkunft stolze Karl Theodor André zu den Luxemburgern, die sich stärker mit Deutschland als mit Frankreich identifizierten – eine Haltung, die im vergangenen Jahrhundert besonders von seinem Biographen Gottfried Fittbogen hervorgehoben wurde. Karl Theodor André starb 1883 und wurde auf dem kleinen Kirchhof seines Heimatorts Roth an der Our beerdigt.

Verfasser: Gregor Brand