Matthias Agritius

Der heilige Agritius (gestorben um 330) war einer der ersten Bischöfe von Trier und zugleich einer der wichtigsten. Während seiner Amtszeit begann der Bau des Trierer Doms und durch die Überführung der Reliquien des Apostels Matthias und des Heiligen Rocks nach Trier trug er maßgeblich zur besonderen katholischen Bedeutung dieser römischen Kaiserstadt bei. Nach jenem Heiligen benannte sich ein Dichter, der 1545 in Wittlich geboren wurde und dessen Nachname eigentlich „Baur“ lautete: Matthias Agritius (auch: Agricius). Mit dieser Namenswahl legte er ein dreifaches Bekenntnis ab: Neben der Anspielung auf den frühchristlichen Bischof kann der Name als Hinweis auf seinen Familiennamen gesehen werden (lat. agricola = Bauer). Zudem folgte der Wittlicher, von dem kein Bild bekannt ist, mit der Latinisierung seines Namens einer verbreiteten Gewohnheit der Humanisten seiner Zeit. Humanisten – das waren damals jene Intellektuellen, die vom Boden des Christentums aus die Antike als Vorbild entdeckten und sich mit Begeisterung den griechischen und lateinischen Dichtern und Denkern zuwendeten.

Agritius, der aus einfachen Verhältnissen stammte, war für die geistige Beschäftigung mit der antiken und christlichen Tradition bestens gerüstet. Als Jugendlicher hatte er die Lateinschule der Fraterherren in Trier besucht und anschließend ein Theologiestudium an der dortigen Universität aufgenommen. Seine ungewöhnlichen Latein- und Griechischkenntnisse ermöglichten ihm nicht nur die Lektüre der antiken Meister, sondern ließen den Himmeroder Abt Johann VIII. aus Briedel auf ihn aufmerksam werden. Abt Johann gehört zu den kulturell bedeutendsten Himmeroder Äbten. Selbst hoch gebildet, war es ihm ein Anliegen, das Eifelkloster zu einem katholischen Zentrum humanistischer Studien zu machen. Der kulturbegeisterte Abt berief den erst Zwanzigjährigen als Lehrer nach Himmerod. Bereits in diesem jungen Alter legte der Wittlicher sein literarisches Debüt vor: „Aurora“, ein Loblied (Encomium) auf die Morgenröte.

Dieses 1565 in Köln veröffentlichte „erste und älteste Druckwerk eines Wittlichers“ (M. J. Mehs) stellt eine bemerkenswerte Kombination aus lateinischen Gedichten in antikem Versmaß und weiteren Ausführungen dar, die um ein Zentralthema kreisen: Lob des frühen Morgens als für körperliche und vor allem auch geistige Tätigkeit in jeder Hinsicht beste Zeit des Tages. Die Gedanken des jungen Eiflers über die Nachteile der Nachtarbeit und die Vorzüge der Früharbeit fanden unter den Gebildeten seiner Zeit großen Zuspruch; das Buch erlebte noch zu Lebzeiten des Autors fünf Neuauflagen. Mehr noch: Kaiser Maximilian II.  bewunderte die Schrift und krönte den Eifler als „poeta laureatus“ – diese höchste literarische Auszeichnung gab Agritius das Recht, an allen Universitäten des Reiches Vorlesungen über Dichtkunst zu halten. Agritius ging jedoch einen anderen Weg: Er vollendete sein Theologiestudium, wurde Priester und schrieb sich danach mit 25 Jahren in Köln für ein Jurastudium ein, das er als Dreißigjähriger erfolgreich beendete. Während seiner Kölner Zeit veröffentlichte er in klassischer Gedichtform eine Lebensbeschreibung des heiligen Erzbischofs Heribert von Köln. Sicherlich hätte dem literarisch wie historisch gleichermaßen Gebildeten eine Gelehrtenlaufbahn offen gestanden, aber Agritius zog es in die Abgeschiedenheit seiner Eifelheimat zurück. Auf Einladung des befreundeten Abtes Gregor Simonis ließ er sich in Himmerod nieder. In der mit einer großen Bibliothek ausgestatteten Eifelabtei vollendete er in den folgenden Jahrzehnten weitere poetische und historische Werke und unterrichtete die Mönche in Rhetorik und Homiletik, „zwei für die damalige Zeit noch ungewöhnliche Studienfächer“, wie Abt Ambrosius Schneider (1911–2002) feststellte. Leider sind einige dieser nur in Handschrift vorliegenden wertvollen Arbeiten verlorengegangen, andere harren bis heute der Drucklegung. Aus dem, was bekannt ist, kann man schließen, dass dieser fromme Humanist es sicherlich – ähnlich wie der gleichaltrige Theologe und Weihbischof Peter Binsfeld – zu größerer Bekanntheit hätte bringen können. Aber wichtiger als solche Karriere scheinen ihm in jener unruhigen Zeit ein klösterliches Leben und spirituelle Ruhe gewesen zu sein. Matthias Agritius starb am Vorabend des Fronleichnamsfestes 1613 und fand im Kreuzgang seines geliebten Himmerod die letzte Ruhestätte.

Verfasser: Gregor Brand
 

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