Paul Gérardy

 – Schriftsteller und Publizist aus Maldingen

321_gerardy_03_171913, ein Jahr vor Weltkriegsbeginn, verweigerte sich Paul Gérardy dem nationalistischen Überschwang seiner Zeit. Zur Frage nach seiner Nationalität bekannte er: „Ich komme aus meinem Dorf, das genügt mir“. Dieses Dorf war Maldingen, wo er 1870 als Sohn von Johann Nicolas Gérardy und dessen Ehefrau Anna Maria Deraideux geboren wurde und wo er seine Kinderjahre verbracht hatte. Der kleine ostbelgische Ort, heute Teil der Gemeinde Burg-Reuland, liegt nur wenige Kilometer von der deutschen und luxemburgischen Grenze entfernt. Bis nach dem ersten Weltkrieg gehörte der Ort zu Preußen und damit seit 1871 auch zum Deutschen Reich. Zu dieser politischen Grenzsituation kam die Lage zwischen deutschem und wallonischem – also französischem – Sprachgebiet hinzu. Gérardy, der zunächst Eifler Platt gelernt hatte, sprach und schrieb später in beiden Hochsprachen gleichermaßen. Er gilt als wichtiger Mittler seiner Zeit zwischen französischem und deutschem Kulturraum.

Auf bemerkenswerte Art und Weise beantwortete der Dichter Stefan George, einer der hellsten Sterne der deutschen Lyrik, die Frage nach den Wurzeln Gérardys. In einem Brief an Hugo von Hofmannsthal nannte er Gérardy in seiner eigentümlichen Orthographie treffend und schlicht: „kind der eiffel“. Dass sich der Rheinländer George mit dem Wiener Hofmannsthal über Gerardy austauschte, hängt damit zusammen, dass die Biographie des Mannes aus Maldingen mit derjenigen von Stefan George eng verwoben ist. Gérardy gehörte in den 1890er Jahren zu den Hauptpersönlichkeiten der legendären symbolistischen Zeitschrift „Blätter für die Kunst“ und zum innersten Zirkel des berühmten „George-Kreises“. Abgesehen davon, dass er nach George der Autor mit den meisten Beiträgen war – Gérardys Manifest über „GEISTIGE KUNST“ gilt geradezu als Programm der literaturgeschichtlich bedeutsamen Zeitschrift. Gérardy formulierte: „Man darf den dichtern die sich hier vereinigt haben nicht die leeren oder unvollständigen namen Mystiker und Symbolisten beilegen“ und schloss mit den emphatischen Worten: „Sie sind keine sittenprediger und lieben nur die schönheit die schönheit die schönheit.“

George hatte Gérardy 1892 kennengelernt, nachdem ihm dieser sein lyrisches Erstlingswerk „Les chansons naïves“ zugesandt hatte. Gérardy lebte damals in Lüttich; dort wohnte der Bruder seines Vaters, ein Weingroßhändler, zu dem Paul gezogen war, als er mit 12 Jahren Vollwaise wurde. In Lüttich besuchte er die Jesuitenschule Collège Saint-Servais, ehe er in ein Internat nach Saint-Trond wechselte. Als 20-Jähriger begann Gérardy an der Universität in Lüttich ein Literatur- und Philosophiestudium, das er jedoch nicht abschloss. In dieser Hauptstadt der Wallonie entwickelte sich seine besondere Wertschätzung der wallonischen Kultur – eine Verbundenheit, die sich durch die Freundschaft mit wallonischen Künstlern und Intellektuellen vertiefte. 1892 gründete Gérardy die Literaturzeitschrift „Floréal“, die seine wallonischen Sympathien ebenfalls ausdrückte.

Als Dichter wurde Gérardy von George außerordentlich hoch geschätzt – ein Umstand, den man nicht voreilig als freundschaftsbedingte Überschätzung abtun sollte. Allerdings waren nicht alle in gleicher Weise von Gérardy angetan. So notierte der Schriftsteller Oscar A. H. Schmitz in seinem Tagebuch: „Er beobachtet einzelnes Treffliche, hat gute Einfälle, aber welche Kälte!“ Der Eindruck von „Kälte“ hing wohl damit zusammen, dass Gérardy nicht nur Lyriker und Kunstfreund war, sondern auch kühler Analytiker des politischen Zeitgeschehens. Angesichts seiner Aktivitäten im George-Kreis wird leicht übersehen, dass Gérardy – gern auch unter Pseudonym – auch sonst eifrig publizierte und sein geistiger Horizont sich nicht auf das Literarische beschränkte. 1899 übernahm er in Brüssel die Leitung der Wirtschaftszeitschrift „La Gazette coloniale“. Dafür waren primär finanzielle Überlegungen maßgebend. Gérardy hatte 1894 Louise Delvoie geheiratet und war mehrfacher Familienvater geworden; die Mittel aus seiner Erbschaft gingen zur Neige.

1903 erschien in Paris die anonyme Schrift „Carnets du roi“, in der König und Kolonialpolitik von Belgien scharf attackiert wurden. Das fast 300 Seiten starke satirische Pamphlet wurde in Belgien verboten, löste aber dort einen Skandal aus; erst 1908 bekannte sich Gérardy öffentlich zur Autorschaft. Nicht weniger kritisch war eine ähnliche Schrift gegen den deutschen Kaiser. Als der Weltkrieg ausbrach, emigrierte Gérardy vorsichtshalber nach England. Nach seiner Rückkehr war der einstige Lyriker fast nur noch als Wirtschaftspublizist tätig. In den zwanziger Jahren gründete er mehrere Wirtschafts- und Börsenzeitschriften, wobei seine eigene finanzielle Lage prekär blieb. Gérardy, der im Lauf seines Lebens in zahlreichen Städten gewohnt hatte, starb 1930 in Brüssel. Der Literaturwissenschaftler J.-U. Fechner, Pauls jüdische Schwiegertochter Alice Gérardy-Reich und nicht zuletzt seine Heimatgemeinde Burg-Reuland (Paul Gérardy Museum) erwarben sich besondere Verdienste um Erhalt und Erschließung seines bedeutenden geistigen Erbes. Ω

Verfasser: Gregor Brand

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