Philipp Freiherr von Boeselager

Widerstandskämpfer und Forstfachmann aus Heimerzheim

Philipp Freiherr von Boeselager
Philipp Freiherr von Boeselager

Vor allem in den letzten Jahrzehnten seines langen Lebens wurde der 2008 verstorbene Philipp Freiherr von Boeselager in der deutschen Öffentlichkeit als eine Hauptpersönlichkeit des militärischen Widerstands gegen Hitler wahrgenommen und gewürdigt. Als Zeitzeuge fühlte sich Boeselager bis zuletzt verpflichtet, vor allem die Jugend über die Widerständler gegen Hitler und ihre Motive zu informieren. In zahlreichen Vorträgen und Interviews gab er, obwohl ihn die Erinnerung belastete, bereitwillig Auskunft über seine Biographie und stellte sich noch drei Wochen vor seinem Tod den Fragen des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher.Philipp von Boeselager kam 1917 als Sohn von Albert Freiherr von Boeselager und dessen Ehefrau Maria-Theresia Freiin von Salis-Soglio auf Burg Heimerzheim zur Welt. Bei der geistigen Prägung in der kinderreichen Adelsfamilie spielte die katholische Konfession eine entscheidende Rolle; mit führenden Persönlichkeiten des rheinischen Katholizismus war er verwandtschaftlich verbunden. Dieser Katholizismus ging einher mit einer ausgeprägten Preußenfeindschaft, ja einem regelrechten Hass auf Preußen, das in erster Linie als protestantischer Staat verstanden wurde. Erst als Erwachsener entwickelte Boeselager durch den kriegsbedingten Kontakt mit preußisch geprägten Offizieren und Widerständlern Verständnis für die verfemte protestantische Konfession. Nach Boeselagers Erinnerung kam nach 1918 bei vielen katholischen „Preußenfressern“ als neues Hauptfeindbild Frankreich hinzu, was stark mit dem harschen Vorgehen der französischen Besatzer im Rheinland zu tun hatte. 1936 machte der Heimerzheimer Abitur am jesuitischen Aloisiuskolleg in Bonn-Bad Godesberg. Im gleichen Jahr besetzten Einheiten der 1935 vom NS-Staat gegründeten Wehrmacht das entmilitarisierte Rheinland. Boeselager trat standesgemäß einem Kavallerie-Regiment in Paderborn bei; als Wehrmachtssoldat wurde er auf Adolf Hitler persönlich vereidigt.

Im Zweiten Weltkrieg erlebte Boeselager an der Ostfront als Oberleutnant und Ordonnanzoffizier von Generalfeldmarschall Günther von Kluge (1882-1944) die Grausamkeit der Kriegsführung. Er kam in Kontakt mit Offizieren, die Hitler beseitigen wollten, weil sie die Massenmorde an – vor allem jüdischen – Zivilisten verabscheuten und zudem davon überzeugt waren, dass Hitler mit seiner Kriegsführung Deutschland in den Untergang führte. In Begleitung von Kluges begegnete Boeselager Hitler mehrfach persönlich; noch in seinem letzten Interview machte er aus seiner Verachtung für Hitler kein Hehl: „Wir haben erlebt, wie militärisch blöd er war, ja richtig blöd und auch verbrecherisch.“ Nach sorgfältigem Abwägen stand schließlich für Boeselager ebenso wie für seinen Bruder Georg und den Hauptverschwörer Generalmajor Henning von Tresckow fest, dass es nötig sei, Hitler zu töten. Für den 13. März 1943 plante Philipp von Boeselager, Hitler und Himmler bei einem Frontbesuch zu erschießen. Aber Himmler erschien nicht, und der eingeweihte Feldmarschall von Kluge verbot dem Eifler die entscheidende historische Tat. Von Kluge befürchtete jetzt, dass Hitlers Liquidierung zu einem Bürgerkrieg und einem Kampf zwischen SS und Wehrmacht führen würde. Boeselager, im Krieg zum Sprengstoffexperten geworden, gab den Plan, Hitler zu töten, jedoch nicht endgültig auf. Er war es, der den Sprengstoff für Graf von Stauffenberg besorgte, mit dem dieser im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ am 20. Juli 1944 eine schwere Explosion auslöste, die Hitler aber nicht tötete. Trotz massiver Folterungen verrieten Boeselagers Mitverschwörer ihn nicht. So konnte er den Krieg, dem mehrere seiner Brüder zum Opfer fielen, überleben.

Nach dem Weltkrieg sprach Freiherr von Boeselager lange kaum von den Aktivitäten des Widerstands. Er hatte den Eindruck, dass das Thema jahrzehntelang wie ein Tabu behandelt wurde. Seiner Meinung nach hatte den Hauptverschwörern, vor allem Stauffenberg, ein demokratisches, rechtsstaatliches Deutsches Reich vorgeschwebt. Boeselager, lange Mitglied der CDU, war in späteren Jahren von der bundesdeutschen Politik schwer enttäuscht und trat aus der CDU aus. Den konservativen Katholiken empörte besonders die Haltung zur Abtreibung und – nach der Wiedervereinigung – die Ablehnung der Rückgabe nach dem Krieg enteigneten Grundbesitzes. Beruflich engagierte sich der studierte Jurist und Volkswirt Boeselager primär forstwirtschaftlich und waldpolitisch; als führendes Mitglied vieler Vereinigungen der Wald- und Holzwirtschaft, vom lokalen Eifler Bereich bis auf Bundesebene, gehörte er zu den einflussreichsten Forstverbandsfunktionären. Besonders am Herzen lag dem Katholiken auch der Souveräne Malteserorden; sein Sohn Albrecht ist inzwischen Großkanzler dieser Ordensgemeinschaft. Philipp von Boeselagers vielfältige Verdienste wurden mit hohen Ehrungen gewürdigt. Der selbstbewusste Freiherr aus der Eifel verstarb neunzigjährig auf der familieneigenen Burg Kreuzberg bei Altenahr.

Verfasser: Gregor Brand

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