Rudolf Isay

Jurist aus Schweicher Familie

Rudolf Isay kam am Neujahrstag 1886 in Trier zur Welt, unter Mitwirkung des alten Sanitätsrats Dr. Thanisch, der „zunächst mit vielen Tassen schwarzen Kaffees erfrischt werden“ musste, wie Isay in seinen Aufzeichnungen „Aus meinem Leben“ berichtete. Weit ausführlichere Informationen vor allem zu seinem juristischen Lebenswerk als diese recht knappen Lebenserinnerungen enthält die 2005 veröffentlichte Dissertation von Felix Gaul: „Der Jurist Rudolf Isay (1886 – 1956)“. Leider erwähnt Gaul mit keinem Wort die Schweicher Herkunft der jüdischen Isay-Familie und meint irrtümlich, die Familie sei „einige Generationen zuvor aus Frankreich eingewandert“. In Wirklichkeit lebten die Isays – eine Familie, aus der etliche herausragende Persönlichkeiten hervorgingen – mindestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Schweich, wo auch Rudolfs Vater Abraham Isay (1848 – 1914) zur Welt gekommen war. Der Kaufmann Abraham Isay hatte die Lüneburgerin Jenny Michaelis/Michaels (1853 – 1934) geheiratet, eine Tochter des Bankiers Wolf Hirsch Michaels. Rudolf war der jüngste von vier Söhnen aus dieser Ehe; sein ältester Bruder Hermann wurde Anwalt und Rechtsprofessor, Oskar wurde Chemiker, Richard Isay fiel 1917 im Weltkrieg.

Rudolfs Vater, ein gebildeter Mann, der eine rabbinische Ausbildung erhalten hatte, lebte nach der Erinnerung des Sohnes zeitlebens „in bescheidenen Verhältnissen“. Rudolf wuchs in Trier auf, wo er das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium besuchte, an das er sich später – wie überhaupt an die Moselmetropole – dankbar erinnerte: „Diese Trierer Jahre haben mir manches gegeben, dessen Wert ich erst im Alter richtig schätzen gelernt habe: Liebe zur Natur, Respekt vor wissenschaftlicher Arbeit, einen gediegenen humanistischen Unterricht und eine gewisse Handfertigkeit.“ Obwohl es ihn eher zu den Naturwissenschaften zog, entschied er sich mit Rücksicht auf den erkrankten Vater für den Brotberuf des Juristen, um möglichst rasch als Anwalt selbst Geld zu verdienen. Die ersten Jura-Semester absolvierte der fleißige Student in Berlin, wo sein Bruder Hermann bereits als Rechtsanwalt arbeitete, dann wechselte er an die Universität Straßburg, die damals vom Historiker Harry Bresslau, dem Ehemann seiner Tante Carolina Isay, als Rektor geleitet wurde. Weitere Universitätsstationen waren erneut Berlin und schließlich Bonn. Hier verfasste er seine zivilrechtliche Dissertation, mit der er 1908 promoviert wurde. Während seines folgenden dreijährigen Referendardienstes publizierte Dr. Isay – später einer der führenden deutschen Patentanwälte – unter anderem einen einflussreichen Aufsatz über „mittelbare Erfindungsbenutzung“ sowie ein Buch über „Das Recht am Unternehmen“. Nach dem Assessor-Examen trat er 1911 in die Berliner Kanzlei seines Bruders ein. Die Fachaufsätze ebenso wie das Buch zeigten bereits, dass Isay sich auf wirtschaftsrechtliche Fragen spezialisierte. Isays anwaltliches Lieblingsgebiet wurde das Patentrecht; ein weiteres Hauptbetätigungsfeld war das Bergrecht. Das dritte Gebiet, in dem er wesentliche rechtswissenschaftliche Beiträge erbrachte, war das Kartellrecht; auf die Bedeutung kartellrechtlicher Fragen war er während seiner Weltkriegstätigkeit in der Kriegsrohstoffabteilung aufmerksam geworden. Nach dem großen Krieg, den Isay zunächst als berechtigten deutschen Abwehrkampf ansah, später jedoch als Ausdruck selbstzerstörerischer Überheblichkeit, nahm er zusammen mit seinem Bruder wieder die Anwaltstätigkeit auf. Beide hatten in den Kriegsjahren eine umfangreiche Kommentierung zum preußischen Berggesetz verfasst. Als man politisch über die Verstaatlichung des Bergbaus diskutierte, wurde Isay in die Sozialisierungskommission berufen – „eine der interessantesten Epochen meines Lebens“. 1920 veröffentlichte er eine Kommentierung des Kohlenwirtschaftsgesetzes. Mit seinen – meist nachts erstellten – Fachpublikationen ebenso wie mit seinem überzeugenden Auftreten verschaffte sich Isay einen außerordentlichen Ruf und trug maßgeblich zum fabelhaften Erfolg der Kanzlei bei. „Mir selber kam das häufig als ein Traum vor“, erinnerte er sich später: „Ständig suchten die Leiter der bedeutendsten Industrie- und Bergwerksunternehmungen um meinen Rat und meine Hilfe nach.“ Das böse Erwachen aus dem „Traum“ kam mit der NS-Diktatur. Obwohl Rudolf Isay vor dem Weltkrieg nach langen inneren Kämpfen zum Christentum konvertiert war und 1918 die Christin Isabella Trimborn geheiratet hatte, bekam er sofort die Folgen der antijüdischen NS-Gesetzgebung zu spüren. Die 1935 verkündeten Nürnberger Rassegesetze gaben ihm den letzten Anstoß, das Deutsche Reich zu verlassen und unter großen finanziellen Einbußen mit seiner Frau und zwei Adoptivkindern nach Brasilien zu emigrieren. Dort verlegte er sich auf die Landwirtschaft und baute erfolgreich unter schwierigen Bedingungen eine Farm mit dem Schwerpunkt Kaffeepflanzung auf. Erst 1951 entschloss er sich zur Rückkehr in die Bundesrepublik, wo er mit vielbeachteten Beiträgen seine juristische Arbeit insbesondere zum Kartell- und Bergrecht wieder aufnahm. Rudolf Isay verstarb am 14. April 1956 und wurde im Ahrtalort Krälingen neben seiner Frau beerdigt. Wenige Monate zuvor hatte eine ihm zum 70. Geburtstag gewidmete Festschrift sein enormes Ansehen in der Fachwelt zum Ausdruck gebracht.

Verfasser: Gregor Brand