Rudolf J. Schweyen – Genetiker aus Binscheid

Aus dem geschichtlich meistens nicht viel mehr als 100 Seelen zählenden Westeifeldorf Binscheid gingen im Lauf der Jahrhunderte einige Priester hervor – etwa Leonhard Lentz im 18. Jahrhundert, dessen Neffe Mathias Lentz oder der Theologe und Politiker Peter Alff (1806-1857). Aber erst die nach 1945 sich verändernde ländlich-katholische Lebenswelt führte zu anderen akademischen Berufen – wie der Lebensweg Professor Schweyens exemplarisch zeigt.

Der am 8. Mai 1941 geborene Rudolf Jakob Schweyen war das dritte von vier Kindern der Eheleute Theodor Schweyen und Maria Kob. Sein Geburtsort war die Kreisstadt Prüm, aber er wuchs in Binscheid auf, wo seine Eltern einen Bauernhof bewirtschafteten. Von 1947 bis 1954 besuchte er die Binscheider Volksschule, dann wechselte er auf das Regino-Gymnasium in Prüm; zu Schweyens Abiturjahrgang 1962 gehörte der prominente Politiker Oskar Lafontaine. Schweyen war der einzige aus der Klasse, der Naturwissenschaftler wurde. Zwar studierte auch Lafontaine Physik, aber er konzentrierte sich nach dem Diplomabschluss auf seine Politikerkarriere.

Der durchaus politisch interessierte Schweyen stieg dagegen nach seinem Biologiestudium in Mainz und München zielstrebig in die Grundlagenforschung ein. Nach kleineren Fachpublikationen promovierte er mit einer 1971 veröffentlichten Dissertation über genetische und biochemische Untersuchungen zur mitochondrialen Proteinsynthese an der Backhefe. Die Forschung an Mitochondrien, einem fundamental wichtigen Zellbestandteil mit eigener DNA und hoher Bedeutung für den Energiestoffwechsel von Lebewesen, blieb bis zuletzt sein Hauptforschungsgebiet, auf dem er zu einem Experten von überragender Sachkunde wurde.

Spätestens nach der Promotion traute sich der Binscheider Bauernsohn auch eine Professur zu – damals keine Selbstverständlichkeit für Studenten mit kleinbäuerlichem Hintergrund. Schweyen wurde wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent in München (1971-1979). Eine wichtige Zwischenphase war Schweyens Forschungsaufenthalt (1974/75) am französischen Forschungsinstitut CNRS in Gif-sur-Yvette bei Paris, wo mit Piotr Slonimski (1922-2009) ein Weltklasse-Wissenschaftler zur Mitochondrien-DNA der Bierhefe forschte – also in dem Bereich, der Schweyen am meisten interessierte. Nicht zuletzt durch seine in Frankreich geknüpften Forscherkontakte wurde der 1976 habilitierte Schweyen im Lauf der 1970er Jahre in der internationalen Gemeinschaft der Mitochondrienforscher zu einem vertrauten Gesicht, im Folgejahrzehnt sogar zu einem ihrer qualifiziertesten Vertreter. 1980 erhielt der inzwischen 39-Jährige eine Professur für Genetik in München.

Als man an der Universität Wien wenige Jahre später einen Experten für die Spitze des neu geschaffenen Instituts für Mikrobiologie und Genetik suchte, fiel die Wahl auf Schweyen, der 1985 den ehrenvollen Ruf auf die Stelle als Ordinarius für Genetik an der Universität Wien annahm. Beim Aufbau des Instituts spielte er ebenso eine führende Rolle wie bei der Errichtung des Wiener Forschungszentrums Max F. Perutz Laboratories. Österreich – zu dem Binscheid als Teil Luxemburgs im 18. Jahrhundert gehört hatte – blieb fortan bis ans Lebensende das Land seiner Wahl, das ihm auch jenseits der Wissenschaft zusagte und dessen landschaftliche Schönheit und kultureller Reichtum ihm zum Lebenselixier wurden.

In wissenschaftlicher Hinsicht gelangen Schweyen und seinem Team wichtige Erkenntnisfortschritte zur Genetik der Mitochondrien. Wenige Jahre vor der Jahrtausendwende entdeckten sie bei der Forschung an der Bäckerhefe bislang unbekannte Gene, die für den Transport von Magnesium in die Mitochondrien zuständig sind. Diese Entdeckung bildet eine grundlegende Voraussetzung für vielversprechende medizinische oder auch landwirtschaftliche Anwendungen des Magnesiums in Organismen. Als in den 1990er Jahren in Österreich über ein Gentechnikgesetz diskutiert wurde, bei dem es um die Frage gentechnisch veränderter Lebensmittel oder sonstige gentechnische Eingriffe ging, war Schweyen ein gefragter Experte. In einem Interview mit dem ÖRF aus dem Jahr 1994 machte er einerseits deutlich, dass er gentechnisch veränderte Lebensmitteln (Genfood) nicht für schädlich hielt und befürwortete eine verstärkte europäische Forschung dazu. Andererseits betonte er, dass solche Lebensmittel derzeit ebenso wie gentechnisch veränderte Tiere („Turbo-Kuh“) zumindest in Europa gar nicht notwendig seien.

Auf die mit der Nutzung der Gentechnik eventuell verbundenen Gefahren angesprochen – manche verglichen sie im Gefährdungspotenzial mit der Atomkraft – machte Schweyen deutlich, dass er darauf vertraue, dass die Wissenschaftler selbst und die demokratische Gesellschaft die auftretenden Fragen vernünftig regeln werden. Generell war Schweyen ein überzeugter Anhänger von Demokratie und Gewaltfreiheit. Als 2004 studentische Aktivisten mit Brachialgewalt eine Sitzung des akademischen Senats der Uni Wien stürmten, gehörte er zu den vier Professoren, die einen öffentlichen Protest formulierten und Gewaltanwendung auch zur Erreichung vorgeblich berechtigter Zwecke ablehnten. Professor Rudolf J. Schweyen starb am 15. Februar 2009 nach kurzer Krankheit im Alter von 67 Jahren, betrauert von Schülern und Forscherkollegen in der ganzen Welt.

Verfasser: Gregor Brand