Silvio Gesell

Wirtschaftstheoretiker und Sozialutopist aus St. Vith

Silvio Gesell kam 1862 im damals preußischen St. Vith als siebtes Kind des Rentmeisters Ernst Gesell und dessen Ehefrau Mathilde Talbot zur Welt. Während seine väterliche Gesell-Linie nach Sachsen-Anhalt zurückführt, waren die Vorfahren mütterlicherseits im Raum Malmedy und St. Vith verwurzelt. Silvio Gesell erhielt keine akademische Ausbildung. Sein später beträchtliches nationalökonomisches Wissen erarbeitete er sich im Selbststudium. Er hatte zunächst eine dreijährige Postausbildung absolviert, erlernte dann aber bei seinen Brüdern Paul und Roman, die in Berlin ein Geschäft für Dentalartikel betrieben, den Kaufmannsberuf. Von 1882 – 1884 machte er sich in Malaga mit der spanischsprachigen Welt vertraut; nach preußischem Militärdienst und Stationen als kaufmännischer Angestellter emigrierte er 25-jährig nach Argentinien. In Buenos Aires eröffnete er eine Filiale des Unternehmens seines Bruders und wurde dort in den frühen 1890ern Zeuge einer schweren Wirtschaftskrise. Sie trieb ihn zur selbständigen Suche nach den ökonomischen Ursachen, die er schnell in grundlegend falscher Geldtheorie und Geldpolitik gefunden zu haben glaubte. 1891 veröffentlichte er im Selbstverlag „Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat“. Bis zu seinem Tod folgten etwa 60 weitere Artikel und Bücher mit insgesamt rund 5.000 Druckseiten, die vor einigen Jahren als 18-bändige Gesamtausgabe veröffentlicht wurden. 1898 übertrug er seine Firma „Casa Gesell“ seinem Bruder Ernst, kehrte nach Europa zurück und betrieb in der französischsprachigen Schweiz einen Bauernhof. Von 1900 – 1903 gab er die Zeitschrift „Die Geld- und Bodenreform“ heraus; sie hatte allerdings nur drei Abonnenten. 1907 zog es Gesell erneut nach Argentinien, 1911 ließ er sich in der Obstbau-Siedlung Eden bei Berlin nieder. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren wechselte er noch mehrfach den Wohnsitz zwischen Europa und Argentinien. Bemerkenswert war 1919 ein kurzer, aber ungewöhnlicher Aufenthalt in München. Die dort am 7. April 1919 inmitten chaotischer politischer Verhältnisse ausgerufene „Räterepublik Baiern“ berief Gesell auf Vorschlag des Schweizer Strahlenforschers Dr. Dr. Theophil Christen spontan auf das Amt des „Volksbeauftragten für die Finanzen“. Nach wenigen Wochen erlag die wirre Herrschaft der linksextremen Räterepublik ihren militärisch überlegenen Gegnern. Gesell wurde verhaftet und musste sich vor Gericht wegen Beihilfe zum Hochverrat verantworten, wurde aber im Juli 1919 freigesprochen. Sein Wunsch, wieder in die Schweiz zu ziehen, stieß auf Ablehnung der Schweizer Behörden. Gesell, verheiratet mit Anna Böttger und Vater mehrerer Kinder, darunter eines außerehelichen, zog daraufhin wieder in den Berliner Raum, wo er im März 1930 in Oranienburg starb und beigesetzt wurde.
Gesells Wirtschafts- und Gesellschaftsauffassung wird unter dem Begriff „Freiwirtschaftslehre“ zusammengefasst. Mit messianischem Selbstbewusstsein versprach er eine Lösung aller sozialen und politischen Probleme durch die Verwirklichung seiner Ideen über Freiland, Freigeld und Freihandel. Unter Freiland verstand er die Verstaatlichung allen Grundbesitzes, der dann durch Versteigerung in die Hände von Pächtern gelangen sollte. Die Pacht sollte anschließend vom Staat an Mütter und Kinder ausgezahlt werden. Gesell hielt das Privateigentum an Grund und Boden für die Wurzel aller sozialen Probleme und Kriege: „Friede und Grundeigentum, sowohl nationales wie privates Grundeigentum, sind einfach unvereinbar“. Erschreckend radikal forderte er, dass diese „uralten barbarischen Einrichtungen … restlos von der Erde vertilgt“ werden: „Die Völker, Staaten, Rassen, Sprachgemeinschaften, religiösen Verbände, wirtschaftlichen Körperschaften, die auch nur im geringsten den Freilandbegriff einzuengen suchen, werden geächtet, in Bann getan, und für vogelfrei erklärt.“

Weitere Hauptübeltäter in Gesells Geisteswelt waren Geld und Zinsen. Um den Zins zu beseitigen, wollte er Geld nicht völlig abschaffen, aber dafür sorgen, dass es immer beweglich bleibt und niemand einen Anreiz hat, es zurückzuhalten. Geld müsse quasi „rosten“, d. h. wie andere Waren stetig an Wert verlieren, um dann erneuert zu werden. Um zu einem solchen „Schwundgeld“ zu kommen, müsse sich der Nennwert des Papiergeldes jährlich um einen gewissen Prozentsatz vermindern. Gesell trat zudem für radikalen Freihandel und Abschaffung aller Staatsgrenzen ein: „Kein Volk hat das Recht, Grenzen zu errichten und Zölle zu erheben“, wie es in seinem Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ (1916) heißt. Jeder Mensch solle sich dort niederlassen können, wo es ihm gefällt. Staat, Militär und Parlamente waren dem Anarchisten Gesell verhasst, und er hoffte auf ihr Verschwinden.

Obwohl Ökonomen auf Gesells Ideen zu seinen Lebzeiten spöttisch reagierten und er trotz mancher Zustimmung als Außenseiter gilt, so werden einige seiner Konzepte doch international diskutiert. Das hängt damit zusammen, dass gerade seine monetären Überlegungen heute manchen teilweise relevanter als früher erscheinen. Davon abgesehen fand und findet seine egalitäre Heilslehre überzeugte Anhänger, die sich dafür einsetzen, Gesells Gedanken zu verbreiten und möglichst sogar in die Tat umzusetzen.

Verfasser: Gregor Brand

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