Theodor Lieser

Als vor 110 Jahren, am 30. August 1900, Theodor Lieser in Ferschweiler geboren wurde, war das junge Deutsche Reich eine führende Kultur- und Wissenschaftsnation geworden. Die Wirtschaft wuchs kraftvoll und das Kaiserreich galt vielen als stärkste Militärmacht des Planeten. Die ersten Lebensjahre, die der kleine Theodor, Sohn des Dorfschullehrers, im Kreis von 8 Geschwistern in seinem beschaulichen Heimatdorf verbrachte, scheinen für ihn schöne Jahre gewesen zu sein. Obwohl die Familie bald nach Düren zog und Theodor Lieser später nie wieder länger nach Ferschweiler zurückkam, erinnerte er sich noch im Alter gern an seine ländlichen Wurzeln und setzte sich für seine Eifelheimat ein. Das Caritashaus der Begegnung in Irrel verdankt seine Entstehung der Unterstützung durch den pensionierten Chemiker.

Als Theodor Lieser 1973 in Darmstadt starb, sah die Welt grundlegend anders aus als zu seiner Geburt. Bereits während seiner Gymnasialzeit verflogen viele Illusionen der Jahrhundertwende auf den Schlachtfeldern des Weltkriegs. Das Kriegsjahr 1918 überlebte der Abiturient als Kanonier. Nach seiner Demobilisierung studierte Lieser in Heimatnähe. Zunächst in Bonn, dann in Aachen widmete er sich einem Fach, in dem Deutsche seit Liebig besonders glänzten: der Chemie.  1922 wurde Lieser Diplomingenieur, 2 Jahre später Dr. ing. in Aachen und wiederum 2 Jahre später promovierte er mit einer Arbeit über Zellulose zum Dr. phil. nat. in Zürich. Deutlich zeichnete sich eine wissenschaftliche Laufbahn des Eifelers ab, der 1925/26 als Assistent an der TH Darmstadt arbeitete. Zunächst gefördert durch ein Stipendium, bereitete sich Lieser auf die Habilitation vor, die dann 1930 in Königsberg erfolgte. Bis 1934 arbeitete der Moselfranke als Assistent am Chemischen Institut der ostpreußischen Hauptstadt, weitere 4 Jahre musste er auf die Ernennung zum außerordentlichen Professor in Halle/Saale warten. Dabei spielten anscheinend politische Gründe eine Rolle. NS-Parteistellen zweifelten schon 1934 an seiner politischen Zuverlässigkeit. Wohl um seinen Berufsweg nicht zu gefährden, trat Lieser in die SA ein. Erst 1937 erfolgte der Beitritt zur NSDAP; fast 5 Millionen Deutsche hatten diesen Schritt schon früher getan. Im Bereich der Chemie kam es der NS-Führung vor allem darauf an, die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen zu verringern und Ersatzstoffe zu produzieren. Der organische Chemiker Lieser, der mehrere Erfindungen patentieren ließ, galt schon seit seiner Züricher Doktorarbeit als Experte für Zellulose, was ihn angesichts der vielfältigen Bedeutung dieses Stoffes zu einem wertvollen Fachmann machte. Ab Frühjahr 1939 musste er direkt für die Rüstungsindustrie forschen.

Professor Theodor Lieser gehörte während des 2. Weltkriegs  – wie etwa auch die Ökonomen Ludwig Erhard und Karl Schiller – zu denjenigen Wissenschaftlern, die intensiv über die Zeit nach den 1000 Jahren nachdachten. Lieser wurde in Halle Kopf eines kleinen kritischen Gesprächskreises von Akademikern. In den letzten Kriegsmonaten erlangte diese „Gruppe Lieser“ für Halle historische Bedeutung. Trotz Lebensgefahr ließen sie Flugblätter drucken, auf denen die Hallenser aufgefordert wurden, die Stadt kampflos zu übergeben, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Obwohl auf solchen „Verrat“ die Todesstrafe stand, unterstützte Lieser aktiv den legendären „Seeteufel“ Graf Luckner, der mit den heranrückenden US-Truppen Kontakt aufnahm und so die Großstadt Halle vor der Zerstörung bewahren half. 
US-Gouverneur Murphy ernannte den integeren Eifeler Chemiker am 17. Mai 1945 zum Oberbürgermeister. Lieser gelang es, wieder eine funktionierende Verwaltung aufzubauen.  Nach der Übergabe der Besatzungsmacht an die Sowjetunion wurde die Arbeit des   demokratisch gesinnten Wissenschaftlers zunehmend schwieriger, ja sogar lebensgefährlich. Die stalinistischen Besatzer ließen Lieser im Juni 1946 verhaften. Aus der brutalen Einzelhaft konnte er 40 Tage später fliehen. Trotz Großfahndung gelang ihm die Flucht in den Westen. Dort gab der Mann, der nie Politiker werden wollte, sein Wissen jahrzehntelang als Professor für Chemie weiter.
Vom diktatorischen DDR-Staat war die Erinnerung an Liesers Wirken in Halle unterdrückt worden. Erst nach der Wende wurde seiner offiziell gedacht.  Mit der bedeutsamen „Theodor-Lieser-Straße“ ehrt die dankbare Stadt nun dauerhaft diese große Persönlichkeit.

Verfasser: Gregor Brand
 

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