Es ist bereits 5 nach 12!

Der Landkreis Bernkastel-Wittlich steht, genauso wie der Landkreis Vulkaneifel und die meisten Nachbarkreise auch, konkret vor dem Problem des Generationswechsels in der ärztlichen Versorgung. Viele Ärzte in der ambulanten Versorgung werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen, eine Nachbesetzung dieser Sitze in der herkömmlichen Form als Einzelpraxis ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Wenn hier nicht bald gegengesteuert wird, ist eine ausreichende ärztliche Versorgung in spätestens fünf Jahren nicht mehr gesichert. Auch das Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich, das Krankenhaus Maria Hilf in Daun und die anderen Krankenhäuser in der Nachbarschaft müssen in zunehmendem Maße Probleme bei der Einstellung von Ärzten auf allen Hierarchieebenen konstatieren.

Eine Lösung ist noch nicht gefunden

Die Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich hat sich des Themas „Sicherstellung der ärztlichen Versorgung“ deshalb vor gut zwei Jahren angenommen und möchte diesen Prozess in Kooperation mit den noch tätigen medizinischen Leistungsanbietern im ambulanten und stationären Bereich vor Ort mitgestalten und moderieren. Ärzte aus der Umgebung waren vergangene Woche von Landrat Gregor Eibes eingeladen, ihre Erfahrungen und Ideen und Expertise bei einer Informationsveranstaltung mit dem Thema „Ärztegenossenschaften und Kooperationen“ mit einzubringen und sich zu beteiligen.  Zahlreiche Vertreter der kommunalen Familie, darunter viele Bürgermeister und Kreistagsmitglieder waren gekommen, diesem brisanten Thema beizuwohnen. Auch der neue kommunale Gesundheitsmanager vom Landkreis Vulkaneifel, Lucas Maria Hürtgen, war vor Ort.  Wie Landrat Gregor Eibes in seiner Begrüßung sagte, soll es bei dieser Informationsveranstaltung um die Frage gehen, ob ein Zusammenschluss von Ärzten ein Mittel sein kann, attraktive Strukturen sowohl für angehende als auch ausscheidende Ärzte zu schaffen. Eibes sagt ganz offen: „Wie wir die Situation im Landkreis von kommunaler Seite aus lösen bzw. forcierend dazu beitragen könnten, darauf haben wir bisher noch keine Antwort gefunden“.

Wird Daseinsvorsorge zum Wettbewerb?

Landrat Gregor Eibes sind natürlich auch die Hände gebunden. Egal ob Kreis, Verbandsgemeinden oder Städte, von der rechtlichen Seite stößt man schnell an seine Grenzen und ein kommunaler Wettstreit, wie er seitens der Kassenärztlichen Vereinigung gerne mal forciert wird, ist nicht förderlich.

Eibes: „Die Situation wie sie heute ist, gab es bereits vor 15 Jahren auch schon, nur passiert ist reichlich wenig!“

Leider ist von politischer Seite auf bundes- oder Landesebene fast nichts passiert. Wenn heute 13 oder demnächst 27 Medizin-Studienplätze für den ländlichen Bereich reserviert sind, ist das noch nicht einmal der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Wer heute mit dem Studium beginnt, kann sich in der Regel nach vollendeter Ausbildung mit 42 Jahren als Facharzt für Allgemeinmedizin niederlassen.     

Aktuelle Situation im Landkreis Bernkastel-Wittlich

Im Anschluss hatte Stephan von St.Vith, zuständig bei der Kreisverwaltung Bernkastel-Wittlich für die Kreisentwicklung, mit eindrucksvollen Zahlen den Status Quo im Landkreis Bernkastel-Kues vorgestellt. Dem zufolge sieht es nicht gut aus. Im Kreis Bernkastel/Wittlich gibt es derzeit 71 niedergelassene Hausärzte, 68 Fachärzte inkl. Kinderärzten und 20 Psychotherapeuten. Davon sind ca. 37 % älter als 60 Jahre. Bis 2023 müssten 47 Hausärzte, 56 Fachärzte und 62 Psychotherapeuten nachbesetzt werden. Bei allen drei Fachrichtungen sind das 62 %!  Weit und breit ist kein medizinischer Nachwuchs in Sicht.

Die Zahlen aus dem Vulkaneifelkreis lagen zum Redaktionsschluss leider noch nicht vor. Wir hoffen diese nächste Woche nachreichen zu können.

Fakt ist, in den letzten 14 Jahren ist es zu einer deutlichen Alterung der Ärzteschaft gekommen. Landesweit stieg die Anzahl der Ärzte und Psychotherapeuten im Alter von 60 und mehr Jahren von 795 auf 2.518 an und beträgt mittlerweile 33 Prozent. 2005 waren es noch 13 Prozent. Hauptursache hierfür ist die Ungleichverteilung der Altersklassen. Durch angekündigte Zulassungssperren kam es Anfang der Neunzigerjahre zu einem kurzfristigen Niederlassungsboom bei den damals über 40-Jährigen. Diese Ärzte werden in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen und damit eine „Abgangswelle“ auslösen.  Das war politisch so gewollt!

Praxisstrukturen im Landkreis Bernkastel-Wittlich

Einzelpraxen gib es noch 105, Medizinische Versorgungszentren (MVZ) 4, Örtliche Berufsausübungsgemeinschaften 17, Überörtliche Berufsausübungsgemeinschaft 3.

Die Erreichbarkeit der nächstgelegenen Hausarztpraxis, zwischen Wohnsitz der Bevölkerung in der Region und der jeweils nächstgelegenen Hausarztpraxis ist noch mit gut zu bezeichnen.  In der Region beträgt die durchschnittliche Entfernung zur nächstgelegenen Hausarzt-Praxis: 2,9 km. Der Landesschnitt in Rheinland-Pfalz liegt aktuell bei 1,6 km. Im Anschluss an die eindrucksvolle Präsentation haben drei Ärzte ihr Modell der Zukunft vorgestellt.

Genossenschaftsmodell in Bitburg

Dr. Michael Jager, Vorstand der medicus Eifeler Ärzte eG in Bitburg, hat sein Genossenschaftsmodell vorgestellt. Derzeit gibt es 11 Mitglieder in der Genossenschaft. Mit zwei Arztkollegen ist Dr. Jager bei dieser Genossenschaft angestellt und bezieht auch dort sein Gehalt.  Alle anderen Mitglieder praktizieren in ihren eigenen Praxen noch als Freiberufler. Steht einer dieser Ärzte vor der Übergabe seiner Praxis, kann er diese, sofern die Nachfolge geregelt ist, an die Genossenschaft verkaufen. Dieses Modell stand anfangs vor hohen Hürden. Aber nach langen zähen Verhandlungen bekam Dr. Jager die Zulassung. Die Genossenschaft kann so viele Ärzte beschäftigen, wie sie möchte.

Hausarzt-MVZ in Daun

Dr. med. Carsten Schnieder betreibt seit 2016 gemeinsam mit seiner Gattin ein sogenanntes Hausarzt-MVZ in Daun. 2005 stieg Schnieder in eine bestehende Praxis mit ein. Kurze Zeit später kam seine Gattin als weitere Ärztin hinzu. 2010 wechselte der Praxisgründer in den Ruhestand und ein weiterer Arztkollege kam hinzu. 2014 initiierte die Kreisverwaltung Vulkaneifel einen „Runden Tisch“ zur Sicherung der Hausärztlichen Versorgung auf dem Land. Damals entstand die erste Idee eines Zusammenschlusses zweier großer Praxen. Die Praxis Dr. Weis & Partner wurde übernommen und mit den Angestellten in das MVZ integriert.

Mit einem Team aus sieben hausärztlich tätigen Internisten und Allgemeinmedizinern sowie 16 vielfältig weitergebildeten medizinischen Fachangestellten betreut dieses Hausarzt-MVZ seine Patienten. Im 4. Quartal waren es 6.000 Fälle. Inzwischen haben die Schnieder’s auch die dreijährige Weiterbildungsberechtigung für junge Mediziner bekommen. Gemeinsam mit den umliegenden Krankenhäusern und dem MVZ in Daun lässt sich die gesamte ärztliche Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin abbilden. Den angestellten Arztkollegen bietet Schnieder individuelle Arbeitszeiten, eine faire Bezahlung und falls gewünscht auch eine Übernachtungsmöglichkeit in Praxisnähe unter der Woche.

Dass man als Mediziner gutes Geld verdienen kann, gibt Dr. Schnieder offen zu. Das Problem, Nachfolger zu finden sei hauptsächlich darin begründet, dass die Rahmenbedingungen dramatisch verbessert werden müssen. Vor allen Dingen müssen mehr Allgemeinmediziner ausgebildet werden. Es gibt schon fast zu viele Fachspezialisten denen das breite Basiswissen nicht vermittelt wird. Die zweite große Hürde ist die überbordete Bürokratie im Segment der Gesetzlich Krankenversicherten.

Rathauspraxis in Manderscheid

In die gleiche Kerbe schlägt auch Dr. med. Matthias Schilling. Er ist Inhaber der Rathauspraxis in Manderscheid. Er beschäftigt vier angestellte Arztkolleginnen und Arztkollegen. Auch er geht auf die Arbeitszeitwünsche seiner Arztkollegen ein. Für ihn selbst gibt es kaum weniger als eine 60-Stunden Woche. Die Rathauspraxis in Manderscheid kann man durchaus als Gesundheitszentrum bezeichnen.  Dr. med. Schilling ist Facharzt für Innere und Allgemeinmedizin und Diabetologe DDG. Ihm stehen zur Seite eine Fachärztin für Allgemeinmedizin, Anästhesie und Notfallmedizin, ein weiterer Facharzt für Allgemeinmedizin, Diabetologe DDG und eine Weiterbildungsassistentin für Allgemeinmedizin. Sie ist außerdem eine Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe.

Neben der hausärztlichen Versorgung bietet die Rathauspraxis vielfältige diabetologische Leistungen an. So ist die Rathauspraxis gleichzeitig auch Diabetesschwerpunktpraxis und diabetische Fußambulanz. Durchgeführt werden auch Ernährungs- und Bewegungstherapien und REHA-Sport. Eine physiotherapeutische Praxis ist ebenfalls in den Räumlichkeiten der Rathauspraxis angesiedelt.  Die Rathauspraxis bietet auch Ausbildungsplätze für Allgemeinmedizin und Diabetologie mit der jeweiligen vollen Weiterbildung an.

Dr. Schilling plädiert dafür, den Numerus clausus zu überdenken, ja sogar abzuschaffen und die Zahl der Studienplätze muss unbedingt erhöht werden. Schilling: „Es werden mehr Praktiker, weniger Theoretiker gebraucht“. Schilling spricht auch die Männerquote an. Fakt ist, von fünf Medizinstudierenden sind derzeit vier Frauen. Schilling sagt auch, dass die Arztausbildung oft am Pflichtteil der Ausbildung im Krankenhaus scheitert, weil alleinerziehende Mütter/Väter häufig keine Zeit für den Nachtdienst haben. In Richtung Kassenärztliche Vereinigung (KV) richtet Schilling den Apell die Wirtschaftlichkeitsprüfungen zu überdenken, noch besser abzuschaffen. „Das KV-System schrecke eher ab, statt zu werben“, so der erfahrene Allgemeinmediziner.

Die Zukunft der ärztlichen Versorgung ist nicht auf Rosen gebettet

Auch die Bereitschaftsdienstzentralen werden immer mehr reduziert. 24-Stunden Ambulanzen sind die Folge, ähnlich wie das früher in der ehemaligen DDR der Fall war. Die Wartezeiten bei Ärzten werden immer länger. Die derzeitige Wartezeit für einen Routinetermin bei einem Kardiologen beträgt 6 bis 12 Monate, bei Neurologen 4 bis 8 Monate.  Fakt ist, im Vergleich mit anderen OECD Länder werden in Deutschland bezogen auf die Bevölkerungszahl etwa 1.000 Humanmediziner weniger ausgebildet.

Fazit: Bundes- und Landespolitik müssen unbedingt handeln. In der Region sind nur 14% der Hausärzte junger als 50 Jahre. 48 % sind 60 Jahre und älter. Der Nachsetzungsbedarf aller Arztpraxen in der Region liegt bei satten 67 %. bzw 50 Ärzten bis 2024. Die neue Landarztquote der Landesregierung mit 27 reservierten Medizinstudienplätzen pro Jahr ist geradezu lächerlich. Diese Studenten sind in frühestens elf Jahren fertig.

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